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Heidi@Home: Die Freaks next door

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Die neue ORF-Serie „Braunschlag“ scheitert an ihren Figuren.
„Braunschlag“ ist eine neue TV-Serie, kreiert von David Schalko, die DVD-Box mit 8 Folgen und Bonusmaterial ist seit kurzem käuflich zu erwerben, im Herbst wird sie dann im ORF zu sehen sein. „Braunschlag“ handelt von der gleichnamigem, fiktiven, Gemeinde im Waldviertel, die unter Geldsorgen leidet und zur Belebung des Tourismus eine Marienerscheinung fingiert; der Plan geht auf, das Dorf erwacht zu neuem Leben, doch nun haben Bürgermeister und Einwohner mit anderen Sorgen zu kämpfen…

Vorab: ich schätze Schalko als einen der kreativsten Köpfe der österreichischen Medienszene, und die Schauspieler, die er für seine Produktion gewinnen konnte, sind hervorragend: Burgtheatermime Nicholas Ofczarek und Josefstadt-Legende Karlheinz Hackl wurden ebenso verpflichtet wie die Publikumslieblinge Nina Proll und Robert Palfrader. Die Grundiee von „Braunschlag“ ist ebenfalls reizvoll und eigentlich ergiebig. Doch letztendlich geht der Plan nicht auf, und das liegt meines Erachtens an der völlig misslungenen Figurenzeichnung. Die Charaktere von „Braunschlag“ wurden nämlich ausschließlich am Reißbrett entworfen und entsprechen praktisch allen Klischees, die der verschrobene und verhaltensoriginelle Durchschnittsösterreicher zu bieten hat.

Zahlreiche der Protagonisten sind gesellschaftlich akzeptiert suchtkrank (Alkohol, Kokain), in der Mehrzahl fehlt es ihnen völlig an Empathie, sie sind illusionslos, dabei nach Belieben korrumpierbar, wohnen und kleiden sich geschmacklos, agieren hauptsächlich triebgesteuert und egozentrisch, dazu sprechen sie eine rohe Sprache, voller Kraftausdrücke. Nebenbei bemerkt: alle sprechen gleich, hier gibt es keine Differenzierung zwischen Stadt- und Landbewohnern, zwischen verschiedenen sozialen Schichten oder Altersgruppen. Eine wirkliche Biografie hinter den Karikaturen ist ebenfalls kaum auszumachen, die Figuren wurden augenscheinlich nur erschaffen, um torkelnd in die zugleich bizarre wie deprimierende Szenerie entlassen zu werden. Natürlich ist das manchmal witzig, eignet sich aber nicht wirklich dazu, eine fortlaufende Geschichte zu erzählen. Einzige Ausnahme ist die Frau des Bürgermeisters (Maria Hofstätter) die so etwas wie ein menschliches Wesen zu sein scheint, auch wenn ihre Träume und Hoffnungen in Braunschlag naturgemäß schon lange zerschlagen wurden; doch immerhin kämpft sie um Würde, Anstand und Selbstbestimmung. Man möchte ihr zurufen, dass sie so schnell wie möglich dieses unselige Dorf verlassen sollte.

Dabei müsste das eigentlich nicht sein: Drehbuchautoren können dysfunktionale Figuren auch zeichnen, ohne sie komplett der Lächerlichkeit preiszugeben, sie können die Gründe für ihr Verhalten transparent machen, positive Charakterzüge hervorheben oder stattfindende Entwicklungen dokumentieren. Denn ausschließlich negative Figuren sind ebenso unglaubwürdig wie etwa die klinisch reinen Darsteller in „Eine himmlische Familie“. Dazu wäre es wichtig, dass der Autor seine Figuren ernst nimmt, und es fällt mir nach Konsum der gesamten ersten Staffel schwer, davon auszugehen, dass David Schalko das tut. Vielmehr führt er seine Protagonisten vor und verheizt sie dann, im Austausch für Lacher. Dabei mag ich das Skurrile und Absonderliche gerne, aber auch die vielleicht bizarrste Fernsehserie überhaupt, „Twin Peaks“, hat Charaktere, die greifbar werden, denen man sich annähern kann und sei es, weil sie mit kindischer Freude ein Stück Kirschkuchen essen. Der Ort Twin Peaks erscheint im Vergleich zu Braunschlag als Hort der Wärme und Heimeligkeit. Eine Identifikation findet in „Braunschlag“ nie statt, was letztendlich dazu führt, dass einem das Schicksal der Figuren und des Dorfes insgesamt ziemlich gleichgültig bleibt.

„Braunschlag“ wird von den Produzenten jetzt schon als neue Kultserie beworben, die Kritiker jubeln – vielleicht bin ich die Einzige, die das anders sieht. Schaut rein und bildet Euch Euer Urteil.