Neu im Kino
Neu im Kino: Woche 14

Neu im Kino: Woche 14

Äquilibrium und Coming-Home in ihren verschiedensten Ausprägungen.
Angelehnt an Todorovs Narrationstheorie geht die im Mainstream-Kino oftmals vorherrschende Story von einem für die Welt des Protagonisten ausgeglichenen Ist-Zustand (Äquilibrium) aus. In diese Welt tritt daraufhin ein Antagonist (oder eine andere antagonistische Kraft) ein, der den Zustand ins Wanken bringt. Der Protagonist (in Folge dessen also der Held) ist nun dafür zuständig wieder ein Gleichgewichtig herzustellen. Oft steht dabei am Ende des Films die Heimkehr des Helden, die zusammenfällt mit der Wiederherstellung des Äquilibriums.

Spieglein Spieglein
Der Storyaufbau des Märchens „Schneewittchen“ der Gebrüder Grimm und folglich auch der ersten der beiden diesjährigen Hollywood-Verfilmungen geht mit umgekehrten Vorzeichen vor.
Nicht der Protagonist sondern der Antagonist, also die Königin (Julia Roberts), sieht ihre Welt auf wackeligen Beinen stehen. Laut dem Spiegel an ihrer Wand ist nicht mehr sie, sondern ihre Stieftochter Schneewittchen (Lily Collins) die Schönste im ganzen Land. Um das Gleichgewicht wiederherzustellen, so denkt sie sich, muss Schneewittchen sterben. Natürlich erledigt sie das nicht selbst, sondern ein Diener (Nathan Lane) soll ihre Stieftochter im Wald ermorden – doch bringt er es nicht übers Herz. Die am Ende der Geschichte stehende Heimkehr von Schneewittchen bringt vielmehr die Königin zum Fall.
So die grundsätzliche Geschichte von „Schneewittchen“. Stilistisch lehnt sich der Film „Spieglein Spieglein“ an Tim Burtons Kassenschlager „Alice im Wunderland“ an. Kinderfreundlich und extrem hochwertig produziert, (vor allem in den Aspekten Kostüm, Make-Up, Ausstattung, etc.) soll das Märchen in einer Realverfilmung wieder zum Leben erwachen. So soll auch der komödiantische Faktor nicht zu kurz kommen und Julia Roberts legt ihre Rolle der Königin karikaturhaft-böse an. Somit bleibt abzuwarten, ob der Film, aufgrund seiner Kinderfreundlichkeit, nicht wie „Alice im Wunderland“ unpersönlich und trotz seiner guten Aspekte lieblos bleibt.

Iron Sky
Bei „Iron Sky“ gibt es zwar eine Heimkehr, dafür aber eine nicht allzu Erfreuliche. Die seit 1945 auf dem Mond befindlichen Nazis kehren zurück auf die Erde, was das Äquilibrium, also das Gleichgewicht in der Welt, ins Wanken bringt.
Der hauptsächlich durch Crowdfunding finanzierte Film bringt gleichzeitig Sciencefiction, Nazis, B-Movie-Trash-Ästhetik und Udo Kier auf die Leinwände Österreichs und diese Aufzählung liest sich bei näherer Betrachtung eigentlich sehr gut zusammenpassend. Für weitere Details empfehle ich das „Iron Sky“ Berlinale-UNCUT-Special!

Das bessere Leben
Das Leben von Anne (Juliette Binoche) könnte ausgeglichener nicht sein. Sie lebt in Paris, hat Kinder, einen makellosen Ehemann und einen tollen Job beim renommierten Frauenmagazin „Elle“. Ihr größtes Problem scheint zu sein, dass ihr jüngster Sohn lieber PlayStation spielt als Hausaufgaben zu machen. Doch als sie beginnt für Elle eine Story über zwei Studentinnen zu schreiben, die sich ihr Studium damit finanzieren, sich prostituieren, bricht ihr inneres Äquilibrium zusammen. Vor allem, dass es ihnen sogar gelegentlich Spaß macht, bringt Anne dazu, über ihr eigenes perfektes (Sex-)Leben zu reflektieren. Um ihren inneren Ausgleich wiederherzustellen geht hierbei die Protagonistin durch eine Identitätskrise mit ungewissem Ausgang, denn das wiederhergestellte Äquilibrium muss nicht zwingend mit dem anfänglichen Zustand vergleichbar sein.
Ein Erotikdrama, mit von allen Seiten gelobter Juliette Binoche, welches sich an Kritik der Gesellschaft übt.

Titanic
Eine ganz besondere Rückkehr macht diese Woche der Film „Titanic“ – nämlich eine in 3D zurück auf die Kinoleinwand. James Cameron, der gerade eben als erst dritter Mensch überhaupt den tiefsten Punkt der Erde (Marianengraben) bereist hat, feiert nach „Avatar“ seinen zweiten allerdings nicht originären 3D-Kinofilm. Somit startet der inflationsunbereinigt zweiterfolgreichste Film aller Zeiten in sein zweites Leben.

Sonstiges
Weiters starten österreichweit zwei hochkarätige französische Filme. Einerseits „Bezaubernde Lügen“ mit Audrey Tautou, welcher von einer Friseurin (Tautou) mit eigenem Friseursalon handelt. Ihr Angestellter ist in sie verliebt und schreibt ihr einen anonymen Liebesbrief, welchen sie allerdings ignoriert. Über Umwege gelangt dieser Brief in die Hände ihrer Mutter, die seitdem auf Wolke sieben schwebt. Andererseits nimmt wieder einmal Luc Besson am Regiestuhl Platz und liefert mit „The Lady - Ein geteiltes Herz“ einen Film über die myanmarische Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi ab.
Außerdem startet in Graz die deutschpolnische Dramödie „Polnische Ostern“. Nun auch in der steirischen Landeshauptstadt läuft Christian Petzolds „Barbara“.
Der Autor
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Josko

Forum

  • theoretisch

    auch spieglein, spieglein weicht nicht von todorov's narrationstheorie ab: das gleichgewicht in staat und hofstaat wird bereits durch den tod der königin (=schneewittchens mutter) und die wiederverehelichung des vaters mit der intriganten hexe erschüttert, die alle regierungs- und erziehungsgeschäfte an sich reißt - und erst durch schneewittchens emanzipation (inklusive pseudo-feministischer martial-arts-lehrstunden) wieder in die richtigen bahnen gelenkt.
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    06.04.2012, 22:37 Uhr
    • seh ich aus so!

      Stimmt natürlich durchaus!
      Es kommt sowieso immer auf den Blickwinkel drauf an. Die Äquilibrium-Theorie kann ohnehin (wenn mans richtig hinbiegt) auf beinahe jede Geschichte gelegt werden, weil sie, im Gegensatz zu vielen anderen Erzähltheorien, sehr offen ausgelegt ist.
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      09.04.2012, 16:54 Uhr
    • klarstellung

      nur um ein missverständnis zu vermeiden: ich beziehe mich _nicht_ auf die grimmsche märchenerzählung, sondern auf den film – in den anfangssequenzen wird auf die einstige idylle im königreich hingewiesen, wo die bewohner nichts zu tun hatten als den lieben langen tag zu singen und zu tanzen. ein paradies der (vor)väter das es wiederherzustellen gilt...
      “anders“ gibt sich die story nur insofern als dass angeblich die geschichte der bösen stiefmutter erzählt werden soll – aber auch da heißt es zum schluss: so it was her (=snowwhite’s) story after all...
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      09.04.2012, 22:37 Uhr
    • Spieglein, Spieglein

      jo, war mir mit den hinweisen "spieglein, spieglein" und "pseudo-feministischer martial-arts-lehrstunden" schon klar :)
      und bei dem film ist scheinbar, wie du schön darauf hingewiesen hast, die äquilibriumtheorie wiederum sehr passend.
      ich wollte lediglich darauf hinweisen, dass die theorie, mit etwas phantasie, auf ziemlich vieles umgelegt werden kann. dann sieht man es beim märchen halt aus sicht der zwerge, dessen äquilibrium mit der ankunft schneewittchens und noch mehr mit den daraus resultierenden versuchen der hexe (bzw. königin) diese zu eliminieren ins wanken gebracht. am ende wird das äquilibrium der zwerge wiederhergestellt, usw...
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      10.04.2012, 17:49 Uhr