Kobergs Klarsicht
Kobergs Klarsicht: Unterhaltsame Unwirklichkeit

Kobergs Klarsicht: Unterhaltsame Unwirklichkeit

Das Action-Genre verzichtet momentan liebend gern auf zu viel Kontakt zur Realität.
Da hat es also einen Soldaten aus dem amerikanischen Bürgerkrieg auf den Mars verschlagen („John Carter - Zwischen zwei Welten“). Jugendliche kämpfen in einer nicht weit entfernten Zukunft zur Belustigung der Massen um ihr Leben („Die Tribute von Panem - The Hunger Games“) und bald stoßen dann auch noch ein paar Kriegsschiffe auf eine Armada außerirdischer Kampfvehikel („Battleship“).
Vor einem Monat habe ich mich an dieser Stelle gewundert, dass Filmemacher momentan lieber zurückblicken, als voraus zu denken. Nun ist die Realität im Unterhaltungssegment offenbar ganz aus der Mode gekommen. Und auch das ist nicht all zu verwunderlich.

Während, und auch noch ein gutes Stück nach dem Kalten Krieg, waren Russen die optimalen Bösewichte für allerlei Geschichten. Der zuerst noch bestehenden und dann zerfallenden Sowjetunion konnte man aus westlicher Perspektive jede Form des Wahnsinns andichten um daraus die unterhaltsamsten Politik- und Militärtragödien zu entwickeln. Eine Zeit lang diente auch der Vietnamkrieg als willkommene Kulisse und selbst die beiden Golf-Kriege fanden im Unterhaltungskino Verwendung.
Nun konnte man Anfang dieses Jahres der Presse entnehmen, dass seit 1945 in keinem Jahr mehr Kriege geführt wurden als 2011. An Settings für realitätsnahe Action sollte es also nicht mangeln. Doch die öffentliche Wahrnehmung der momentan laufenden kriegerischen Auseinandersetzung hat zumindest so weit an Differenziertheit gewonnen, dass es als unkorrekt betrachtet wird, afghanische oder auch iranische oder nordkoreanische Kämpfer – seien sie nun Freiheitskämpfer oder Terroristen – ähnlich stereotyp darzustellen, wie es die Russen über Jahre hinweg erdulden mussten. Und was die Kämpfe in Ostafrika, Pakistan oder Mexico anbelangt fehlt wohl ganz einfach die Informiertheit des Publikums. Schon Rambos letzter Ausflug nach Burma wurde immer wieder als neuerlicher Vietnam-Einsatz missinterpretiert.

Wie der gegenwertige Hang zur Realitätsferne zu bewerten ist, lässt sich nicht so einfach entscheiden. Dazu bohren wir hier schon zu tief in der Medien-und-Gewalt-Debatte und der Frage, ob realistische oder ästhetisierte Gewalt problematischer ist. Ich für meinen Teil beobachte lieber absurde Alien-Schlachten auf dem Mars als pseudorealistische und vor allem pseudokritische Kriegsfilme wie Kathryn Bigelows „Tödliches Kommando - The Hurt Locker“.