Berlinale 2012
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Berlinale Tag 1

Der arme Jake, die Gemeinsamkeiten von Diane Kruger mit einer französischen Königin und das Geheimnis der beheizbaren Schuheinlagen
Der arme Jake Gyllenhaal hat sich seinen Festivalauftakt wohl etwas anders vorgestellt: Die heutige Vorstellung der Festivaljury hat gerade erst begonnen, als ein Reporter die Hand hebt. Er will wissen, ob sich Jake in einer so hochkarätigen Jury nicht als ziemlicher Außenseiter fühle? Der Hollywoodstar schluckt kurz und nimmt die Verteidigung von Jury-Papa Mike Leigh dankend an.

Dann um Punkt 12 beginnt das Pressescreening für den Eröffnungsfilm „Les adieux á la reine“ – das heißt um Punkt 12 hätte es begonnen, hätte es noch freie Plätze im riesigen Kinosaal gegeben. Doch ein finster dreinblickender Sicherheitsbeamter schickt die nervösen Reporter wieder weg und verweist sie auf einen anderen Saal, in dem derselbe Film mit 10-minütiger Verspätung beginnt. Also gut: Neue Chance, neues Glück. Offiziell ist aber auch dieser Saal voll. Wo kommen bloß diese ganzen Journalisten her? Doch nach kurzer Wartezeit dürfen die ersten der 20 vor dem Saal Wartenden doch noch hinein. Die Nummer 19 dieser langen Schlange freut sich riesig und genießt in weiterer Folge den Eröffnungsfilm. In „Les adieux á la reine“ vom französischen Regisseur Benoit Jacquot geht es um die Ängste des Adels in den Tagen vor der französischen Revolution – nach dem Film geht es weiter zur dazugehörigen Pressekonferenz.

Hinter mir unterhalten sich drei Reporter über ihre unterschiedlichen Techniken, die Kälte beim späteren Warten vor dem roten Teppich zu überstehen. Die Diskussion über lange Unterhosen, Skibekleidung und billige batteriebetriebene beheizbare Schuheinlagen aus China verkürzt die ohnehin nur sehr kurze Wartezeit auf die Mitwirkenden des Eröffnungsfilms bzw. auf Regisseur Jacquot und Diane Kruger – die anderen kommen ohnehin nicht viel zu Wort. Kurz darauf vergleicht Kruger ihr Leben mit dem von Marie Antoinette, die sie im Film verkörpert: „Wir waren genau gleich alt, als wir nach Paris gingen. Wir haben beide erfahren, was es heißt als deutschsprachige Ausländerin in Frankreich zu leben. Mein Geburtstag ist am 15. Juli und meine Mutter heißt Maria-Theresia“. Dennoch hatte sie vor dieser Rolle Angst wie selten zuvor. Immerhin hat jeder Zuseher eine genaue Vorstellung im Kopf hat, wie die Königin zu sein hat. Ähnlich sei es ihr auch gestern gegangen, als sie vor lauter Aufregung darüber, in ihrem Heimatland die Berlinale eröffnen zu dürfen, nicht schlafen konnte.

Schließlich wird es dunkel in der deutschen Landeshauptstadt und vor dem Berlinale Palast drängen sich immer mehr Menschen. Man könnte fast meinen, sie kuscheln sich wegen der klirrenden Kälte immer enger zusammen. In Wirklichkeit sind sie aber alle da, um etwas zu sehen – Stars um genau zu sein. Dafür nimmt so mancher recht lange Wartezeiten in Kauf und steht sich zitternd vor Kälte die Füße in den Bauch. Gemütlich spaziere ich vorbei und denke schmunzelnd an das Gespräch über die beheizbaren Schuheinlagen aus China…

Mehr dazu auf Uncut:
Leb wohl, meine Königin!
Der Autor
patzwey
patzwey

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