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Heidi@Home: Granteln Reloaded

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Ist Mundl too big für den big screen?
Kurz vor Weihnachten feiert der Film „Die Deppat’n und die G’spritz’n“ seine Premiere in Österreich. Es ist bereits die zweite Kino-Fortsetzung der Serie „Ein echter Wiener geht nicht unter“, die von 1975 bis 1979 produziert wurde. Die Serie war anfangs aufgrund der sehr derben Sprache umstritten, schaffte es dann aber schnell, Kultstatus zu erlangen.

Im Mittelpunkt der Serie steht der etwa fünfzigjährige Edmund (Mundl) Sackbauer. Er ist eine sehr ambivalent gezeichnete Person: So ambivalent wie übrigens viele Wiener Figuren in Literatur, Theater und Film – jüngstes Beispiel Hans Landa in „Inglorious Basterds“ – erscheinen. Mundl ist auf den ersten Blick ein willenstarker und mutiger Patriarch, ein Mann, der mitten im Leben steht. Er scheint in seiner Emotionalität und in der Unmittelbarkeit seiner Gefühlsausbrüche fast verwandt mit zeitgenössischen Protagonisten aus der US-Serienlandschaft wie Larry David („Curb Your Enthusiasm“) oder Arthur Spooner („The King of Queens“). Allerdings fehlt Mundl deren Intellektualität und Scharfzüngigkeit. Er kann seine Frustration nicht adäquat artikulieren, seine Sprache ist unbeholfen und besteht zum Großteil aus Floskeln, Wiederholungen und Kraftausdrücken. Sein ganzer Zorn kulminiert in Aussagen wie „Hams dir ins Hirn gschissen?“ oder „ Hearst hau die über d’ Häuser“. Wenn Mundl erklärt: „Pfosten, wissens, san wia ma sogt, quasi Trotteln. Ned direkte, oba immerhin Leute mit einem gewissen Klescha“, dann ist das beinahe schon die höchste Stufe seiner Reflexionsfähigkeit.

Gerade Mundls Sprache ist aber das Erfolgsgeheimnis der Serie. Mundl wird oft als lustige Persönlichkeit, als Spaßvogel verkannt. Sein Protest gegen die Missstände in seiner Umwelt ist zwar laut, für das Publikum aber auf den ersten Blick sehr erheiternd. Sieht man genauer hin, nimmt man allerdings vieles differenzierter wahr: Die bescheidenen Verhältnisse, in denen die Familie lebt, die hässlich-kargen Wohnungen, der beschränkte Horizont („Lesen macht nur deppert“), die eintönige Freizeitgestaltung und schließlich die Kommunikationsarmut; die liebevollsten Unterhaltungen finden manchmal mit dem Wellensittich statt. Nimmt man diesen Blickwinkel ein, so ist es oft eher schwierig, über Mundl lachen zu können.

Die beiden Kinofilme spiegeln die Zerrissenheit ihrer Hauptfigur wider. „Echte Wiener“ war 2008 zwar ein Publikumserfolg, wurde aber von vielen als zu düster empfunden. „Die Deppat’n und die G’spritz’n“ soll viel fröhlicher geraten sein, der geistige Vater der Sackbauer-Saga, Ernst Hinterberger, hat sich allerdings ausdrücklich von dieser Verfilmung distanziert. Womöglich bewahrheitet sich auch hier wieder die These, dass sich komplexe Persönlichkeitsstrukturen besser in einer TV-Serie entfalten können und sich weniger für die Betrachtung auf der Kinoleinwand eignen.
Die Autorin
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Forum

  • Lob

    ich möchte nur mein Lob zu diesem Artikel aussprechen!
    Danke, Heidi, auf weitere so nette Beiträge!
    lex217_0d8e49e998.jpg
    22.12.2010, 11:47 Uhr
    • Herzlichen Dank!

      Das freut mich aber sehr! :-)
      heidihome_9fc566c28c.jpg
      22.12.2010, 20:08 Uhr