Bilder: 20th Century Fox, The Walt Disney Company Fotos: 20th Century Fox, The Walt Disney Company
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    Pandoras militärisch-diplomatische Spiegelwelten

    Exklusiv für Uncut
    Es geht wieder los. Ohne einleitende Erklärungen gleiten wir auf dem Rücken drachenartiger Flugtiere durch die Lüfte. Unmittelbar setzt Star-Regisseur James Cameron auf das Markenzeichen seines Avatar-Franchises: die beeindruckende Visualität des Planeten Pandora. 2009 löste der erste Teil einen 3D-Boom aus, veränderte das Kinoimage von Eventfilmen und ist bis heute der erfolgreichste Film aller Zeiten. Bildliche Imposanz und technische Innovation begleiten den Stoff seit Beginn an. Beide sorgten auch dafür, dass der zweite Teil (2022) mit gewaltigem Erfolg in den Finanzbüchern steht. Doch an den Trubel aus 2009 konnte der defizitäre Nachfolger nicht mehr anknüpfen, entsprechend niedrig sind aller Orten die Erwartungen an Teil 3. „Avatar: Fire and Ash“ führt die Saga fort und wird gewiss ein weiterer Box Office-Triumph. Findet Cameron aber auch Antworten auf den künstlerischen Niedergang? Reichen beeindruckende Bilder noch aus? Oder hat er dazugelernt und der Avatar-Chronik neue Impulse verliehen? Zu Beginn erstmal nicht…

    Alte Feinde, neue Bündnisse

    Denn an der geläufigen Prämisse hat sich nichts geändert. Auf der einen Seite steht der Aggressor: die Kolonialmacht der Menschen, stets auf der Jagd nach extraterrestrischen Ressourcen. Gegenüber das Netzwerk Jake Sullys (Sam Worthington), früher menschlicher Soldat, heute Na’vi-Patriarch. Emotionaler Kern dieser Patchwork-Familie ist Neytiri (mit hohem Feingefühl: Zoe Saldana), die nicht nur vergangenes Unglück verarbeitet, sondern auch mit der Akzeptanz des Menschensohnes „Spider“ (Jack Champion) hadert. Klar bleibt es nicht bei internen Querelen. Als sie auf den Mangkwan Clan treffen, beginnt ein Spiel mit dem Feuer, an dem sich auch die Menschen beteiligen - samt Col. Miles Quaritch (Stephan Lang), seines Zeichens ewiger Widersacher der Familie.

    Herzstück dieses neuerlichen Abenteuers ist – wie sollte es auch anders sein - eine Integrationsgeschichte. Dieses Mal geht‘s um den Menschensohn „Spider“, der mit Atemmaske bei den blauhäutigen Außerirdischen lebt. Nachdem die imperialen Menschen ihn als Geheimwaffe für ihre Besatzungspläne ausmachen, entfacht die übliche Kriegstreiberei. Aber es gibt noch weitere Plot-Elemente zu entdecken: die metaphysische Entwicklung von Kiri (Sigourney Weaver); der ambivalente Antagonist Quaritch und eine strategisch verfeinerte Figurenkonstellation. Vor allem schließen die Akteure neue Bündnisse, deren Wechselspiel durchaus interessant zu beobachten ist.

    Neue Deals und neue Bilder

    Die jungen Allianzen sind ein wesentlicher Punkt auf der Habenseite, vor allem im Vergleich zum eher dürftigen „Avatar: The Way of Water“. Präsentiert wird hier nicht viel mehr als die Idee der „Deals“, die aber eine neue Komponente im Wettstreit um Pandora eröffnen. Eine diplomatische Nuance, die dem zweiten Teil fehlte. Jetzt gibt es Verhandlungen, Abstimmungen, Versuche zur Kriegsvermeidung. Ebenso ethische Sabotage von innen und Unterwanderung für die gute Sache. Ja, Avatar 3 ist komplexer und vielseitiger als gedacht.

    Das betrifft gleichsam das Aussehen. Neu hinzu kommt also der Mangkwan Clan. Das Volk aus Feuer und Asche mit der Anführerin Varang, deren ehrfürchtige Optik an einen Dilophosaurus aus „Jurassic Park“ erinnert. Ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben sich die giftspuckenden Echsen mit der majestätischen Nackenkrause, die die mystische Kriegerin als Kopfschmuck trägt. Visuell beeindruckend kontrastiert das gelbrote Feuer des neuen Stammes die bekannte blaue Pracht des Planeten. Auch die Windtraders, eine Art Nomadenvolk, bringen unbetretene Elemente in die Welt. Auf einer Art Segelluftschiff, gezogen von gewaltigen Fluggeschöpfen, fliegen sie von Ort zu Ort und handeln mit Gütern. Wundervoll anzuschauen – genauso wie der Luftkampf, wenn das Asche-Volk erstmals in die Handlung eingreift, oder die Veränderung des Antagonisten Quaritch.

    Alte Ideologien

    Im Zwischenfazit stellen wir also fest: „Avatar: Fire and Ash” wirkt an vielen Stellen durchdachter, dichter, kreativer. Nicht außer Acht lassen dürfen wir trotzdem den Blockbuster-Zwirn und die Cameron-Ideologie. Das Drehbuch überschüttet uns nicht mit originären Grundideen, betritt eher uralte Pfade folgender Narrative: Suche nach Zugehörigkeit, Drama der Wahl und Widersprüche zweier unversöhnlicher Welten. Bis auf vereinzelte Stränge nicht viel Neues unter der Sonne Pandoras. Das betrifft übrigens auch Camerons Wertedoktrin. Diese besteht nicht nur aus einem patriarchalen Familienbild. Wenn Jake Sully mit „This family is not a democracy“ interveniert, liegt die Assoziation zu vorzeitlicher Autokratie auf der Hand.

    Auch militärische Konflikte sind der rote Faden in Camerons Filmographie. Problem: sie werden nicht immer abschreckend inszeniert. Wenn ein einziges grausiges Beispiel zur Rechtfertigung des Kriegs ausreicht; wenn Kinderaugen bei einem weiteren Kugelhagel mit Freude leuchten; wenn die Kamera kurzzeitig die Perspektive eines Ego-Shooter-Games einnimmt; wenn das Bedauern über die Kriegsopfer einen Bruchteil der effektvollen Action einnimmt; dann überschreitet der Film eine Grenze: Krieg wird nicht nur erzählt, sondern sinnlich attraktiv gemacht. Krieg ist stärker in Camerons DNA eingeschrieben als Pazifismus und niemand im Kinosaal klammert sich ernsthaft an die Hoffnung einer diplomatischen Lösung. Dem Krieg kann niemand entkommen. Obwohl es auf Pandora noch eine Instanz gibt, die hilft.

    Die Natur schlägt zurück

    Denn glücklicherweise erinnert sich Cameron wieder der Ursprünge seines Avatar-Kosmos und erhebt die naturverbundene Spiritualität gegen die menschliche Metall-Logik. Parallel lässt er zwei Religionen aufeinanderprallen. Das Ash-Volk unterwirft sich einer archaischen, fast schon satanistischen Konfession und konfligiert mit Eywa, diesem pantheistischen Bewusstsein des Na’vi-Ökosystems. Dieser Streit um den richtigen Gott zwischen Pazifismus und Kriegstreiberei ist eine höchstinteressante Nebenkomponente, die gerne irgendwo in den saftigen 197 Minuten hätte ausgebaut hätte werden können. Nichtsdestotrotz tut die reaktivierte, ursprüngliche Öko-Botschaft dem Franchise gut.

    Fazit

    James Camerons drittes Pandora-Kapitel ist wieder ein bildgewaltiges Monument, das mit neuen Völkern, spektakulären Luftschlachten und einer mitleidlosen Sinnlichkeitsoptik die Kinoleinwand erobert. Inhaltlich zieht der retro-frische Blockbuster neue Bahnen: mehr Nuancen, verfeinerte Bündnisse und bessere Figurenwendungen. Problematisch bleibt Camerons Neigung, Gewaltfilm als Heilsweg zu inszenieren. Trotzdem hat der Erfolgsregisseur dazugelernt und differenziert gegenwärtige Aufrüstungszustände, lässt die Natur mitkämpfen und nutzt Religionen und Diplomatie als neue Konfliktachsen. Sollte Avatar 4 kommen, kann man nur hoffen, dass die Wildwestpolitik noch stärker der Vernunft weicht. Am Ende ist „Avatar: Fire and Ash“ keine Revolution, sondern ein mitreißendes, manchmal widersprüchliches Blockbuster-Epos, das mehr bietet, als man erwartet.
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    (André Masannek)
    16.12.2025
    15:53 Uhr
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