Filmkritik zu Nymphomaniac 1

Bilder: Filmladen, Concorde Fotos: Filmladen, Concorde
  • Bewertung

    Wollüstige Entblößung der menschlichen Existenz

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2014
    In zwei Teilen serviert Regisseur Lars von Trier diesmal seine schwer verdauliche Filmkost. In insgesamt 8 Kapiteln offenbart eine junge Frau ihre sexuell ereignisreiche und psychisch abgründige Lebensgeschichte und in den ersten fünf Kapiteln, die der erste Teil enthält, geht es also (wie zu erwarten war) ganz gehörig zur Sache. Reihenweise hatte Joe die Männer zu sich ins Bett (oder auf andere Möbelstücke) gelockt, um mit ihnen Sex zu haben und sich dabei aber zugleich Schritt für Schritt in immer größere Abgründe ihrer Psyche begeben. In ihrem Gespräch mit einem älteren Herrn namens Seligman, der sie zufällig auf der Straße findet und ihr Hilfe anbietet, eröffnet sie ihm seine Lebensgeschichte.

    

Es war von vorne herein klar, dass Lars von Trier auch in diesem Film wieder ohne jedes Beschönigen in die tiefsten Abgründe der menschlichen Psyche vordringen würde und so überraschen die expliziten Bilder seines Filmes auch nicht weiter. Wer sich hier empört aus dem Kinosaal entfernt, wusste wohl nicht, worauf er bzw. sie sich eingelassen hatte. Einige haben sich vor dem Ende des Filmes davongemacht, ein Großteil derer, die bis zum Schluss durchgehalten hat, war aber sicherlich unter denen, die kräftigen Applaus spendeten.

    

Diesen Applaus hat sich der Film insgesamt betrachtet auch redlich verdient, geht es in diesem Film nämlich um weit mehr als nur Sex. Über weite Strecken nimmt er sich die Zeit, Parallelen zwischen der sexuell stimulierten Verzückung des Menschen und seiner begeisterten Entrückung in der Kunst bzw. Religion zu ziehen. Seine Vergleiche sind dabei niemals banal oder billig und seine Anspielungen auf die Religion nachvollziehbar. Die höchst detailliert zur Schau gestellten Geschlechtsorgane und Sexszenen muss man dabei allerdings in Kauf nehmen. Wem das gelingt, der wird mit zahlreichen höchst anspruchsvoll- metaphysischen, zärtlich-liebevoll inszenierten und vor allem auch humorvollen Episoden belohnt, deren emotionale Dichte und Schönheit mindestens an die Intensität der Begierde und Lust in den Sexszenen heranreichen bzw. zum großen Teil sogar überbieten.

    

Es gilt also auch für diesen Film von Lars von Trier: es gibt kein „mag man oder mag man nicht“. Sondern nur bedingungslos unvoreingenommen sein und die Bereitschaft, hinter seine deftigen und expliziten Bilder zu blicken, sind unbedingte Voraussetzung dafür, dass man ihn überhaupt aushält. Dann wird man aber bald feststellen, dass er die Grenze zur Pornografie niemals wirklich überschreitet, sondern von einem gebildeten und scharfsinnigen Geist erschaffen wurde, der sein Publikum konsequent zwingt, hinzuschauen, statt wegzugucken. So manch einer wird dann höchst zutreffende Aspekte der Realität menschlichen Daseins darin entdecken und diesen Istzustand dann lüstern vor sich liegen sehen wie ein Mann, der voll Erregung seine nackte Partnerin von der Bettkante aus betrachtet, die wollüstig auf ihn wartet.

    

Diese Übertragung muss ihm einmal jemand nachmachen.
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    (Markus Löhnert )
    10.02.2014
    09:48 Uhr
    www.abschiedsbegleiter.at
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