Bilder: 20th Century Fox Fotos: 20th Century Fox
  • Bewertung

    When Love comes so strong, there is no right or wrong

    Exklusiv für Uncut
    Musical oder Oper? Seit jeher scheiden sich die Geister bei dieser Frage hinsichtlich des 1957 uraufgeführten Bühnenstücks „West Side Story“. Unbestritten sind die musikalische Qualität von Komponist Leonard Bernstein sowie die textliche Ausarbeitung von Musical-Genius Stephen Sondheim. Ganze 10 Oscars konnte die nur wenige Jahre nach Musical-Uraufführung im Jahr 1961 veröffentliche Verfilmung gewinnen, wobei eine reine Filmkritik ohne die Berücksichtigung des Musicals als Grundlage schwerlich zu verfassen ist.

    Die Verschränkung beider Medien (Bühnenmusical und filmische Umsetzung) personifiziert sich in Jerome Robbins, der die Idee einer modernen Romeo-und-Julia-Story bereits 1949 hatte. Witzigerweise und bezugnehmend auf die eingangs gestellte Frage wollte Robbins ein „Musical, das der Oper nicht zu nahe kommt“ schaffen. Später konzeptionierte, dirigierte und choreographierte Robbins nicht nur die originale Broadway-Show, sondern ko-inszenierte auch den Film. Neben ihm sollte Robert Wise die Dramaturgie aus filmtechnischer Sicht im Blick behalten und die Arbeit beider wurde mit dem ersten geteilten Regie-Oscar gekrönt. Beide erhielten bei der Verleihung 1962 den Oscar für ihr Regie-Duett, obwohl Robbins im Produktionsverlauf gefeuert wurde, weil er in seiner perfektionistischen Art für den zeitlichen Verzug verantwortlich war: nach 45 Drehtagen war der Film 24 Tage über dem Zeitplan.

    Bevor wir uns die visuellen Feinheiten anschauen, tauchen wir zunächst ein ins New York der 50er Jahre. Nach einer orchestralen Ouvertüre, die wir in dieser Form aus epischen Streifen wie „Ben Hur“ oder „Cleopatra“ kennen und in der jedes Lied kurz angespielt wird, zeigt uns die Vogelperspektive das urbane New York bis wir uns im Mikrokosmos zweier verfeindeter Straßengangs wiederfinden. Die aus Puerto Rico zugezogenen Sharks und die „einheimischen“ Jets streiten sich um die Vorherrschaft in der Upper West Side. Während Riff als Anführer der Jets und Bernardo als Oberhaupt der Sharks einen finalen Kampf planen, entfaltet sich im Hintergrund die größte Liebesgeschichte aller Zeiten zwischen Tony und Maria, bei der die berühmte Balkon-Szene nicht fehlen darf, wobei der romantische veronesische mediterrane Balkon durch eine urbane metallische nasse Hinterhoftreppe ersetzt wird.

    Diese Treppe steht auch stellvertretend für das im Studio gebaute Szenenbild: dreckige Wände, nasse Straßen, metallische Rohre und Geländer, gewaltige Betonwüsten sind die Elemente, die Einzug in den Film gefunden haben. Auch inszenatorisch wird ein starker Film geboten. Mal dynamisch, mal statisch, eine Fülle von kinematographischen Einstellungen, der Einsatz von Zoom, die Kamera saugt uns in das Geschehen. Die kreativen Übergänge sowie der kinetisch-ästhetische Schnitt sorgen für nahezu perfekte Tempowechsel. Insbesondere die ballettartige Vorstellung der beiden Gangs, die sich in den dialogfreien ersten zehn Minuten tänzerisch bekämpfen, ist ein Sinnbild für den audiovisuellen Eindruck, den Film als Kunstform erreichen kann. In diesem Spannungsfeld zwischen Kunst und Plot leidet die Authentizität der nicht gefährlich wirkenden Jugendgangs.

    In jedem Fall interessant ist das Drehbuch bzw. die Sondheim-Text-Grundlage, aus der sich einige Punkte zur Diskussion ableiten lassen. Die urethische Diskrepanz zwischen (ethischem) Egoismus und Moralkonzepten, die die Mitmenschen berücksichtigen, wird hier auf die Spitze getrieben. Das junge Paar verdrängt alle Morde, all das Leid und denkt nur an die eigene Zukunft und die eigene Liebe, die Zeile „When Love comes so strong, there is no right or wrong” spricht für sich. Eindeutig sind zudem die politischen Botschaften des Films. Kritisch betrachtet wird die Polizei, sowie die fehlende soziale Mobilität der Gangs, die zunehmend desillusioniert sind, und das unabhängig von ihrer Herkunft. Ob eingewandert und im Netz der rassistischen Infrastruktur gefangen oder in einem schwierigen Familienverhältnis aufgewachsen – der American Dream wird dekonstruiert und mit den realen Bedingungen konfrontiert. Das weltbekannte Schnipsen symbolisiert die Monotonie, Langeweile und Perspektivlosigkeit der Jugendlichen.

    Was fehlt dem Film letztlich? Genau hier wird die Abgrenzung zwischen Film und Musical sehr schwer. Die Verfilmung macht alles, was eine starke Verfilmung machen kann, weshalb sich die Kritik mehr auf den Grundstoff bezieht. Die Narrative des klassischen Theaters – Rache, Mord, Liebe, Freundschaft, Familie, Verrat – bilden eine altbekannte Rezeptur und dabei haben wir noch nicht beachtet, dass sogar die Grundhandlung bereits 500 Jahre auf dem Buckel hat. Auch die Sentimentalität und überhöhte Romantik im zweiten Akt werden einige Zuseher*innen verschrecken. Darüber hinaus wirkt die Besetzung im Kontext dessen, dass es sich um Schüler*innen im Teenager-Alter handeln soll, nicht sonderlich lebensnah, und generell spielen die Darsteller von Tony und Riff eher schwach. Dabei muss erwähnt werden, dass Richard Beymer (Tony) und Natalie Wood (Maria) bei ihren Gesängen vollständig durch Gesangsdoubles ersetzt wurden, während George Chakiris (Nardo) und Rita Moreno (Anita, Marias Schwägerin) für ihre eigenen Gesangseinlagen mit dem Oscar ausgezeichnet wurden.

    Fazit: Zum Schluss müssen wir feststellen, dass wir die Frage, ob Musical oder Oper, nicht abschließend beantworten können. Das als „bester Musikfilm aller Zeiten“ betrachtete „West Side Story“ ist eine meisterhafte Komposition aus Ballett, Musical und Oper und steht zu Recht auf diversen Bestenlisten des AFI (American Film Institute). Die Ouvertüre, die hohe Gesangslage, die Tanzsequenzen, die überdramatische, seifenopernhafte Handlung sind Elemente der Oper und jede Zuschauer*in, die hier ein Gute-Laune-Pop-Musical erwartet, wird stark enttäuscht. Nein, „West Side Story“ entzieht sich jeder Genrezugehörigkeit (bis auf die plumpe Feststellung eines Musikfilms) und genau das macht ihn auf der formalen Ebene so originell und einzigartig und gut – bei Abzügen ob der berechenbaren, allzu klassischen Dramaturgie oder der weniger authentischen Besetzung.
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    (André Masannek)
    24.03.2022
    09:43 Uhr
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