Exklusiv für Uncut vom Slash Filmfestival
Die junge Musikerin Paris (Aminata Thiboult) kämpft um Sichtbarkeit. Ihr Produzent kann sie nicht vermarkten, Festivals geben ihr keinen Timeslot. Für eigenen Merch ist kein Geld da. Deshalb klaut sie augenzwinkernd das touristische Bonmot „I love Paris“ zahlreicher Shirts und Caps als Motto. Wie kann sie ihre Beliebtheit steigern? Reichweite! Mit größerer Social-Media-Reichweite höhere Klickzahlen, höhere Relevanz und bessere Gigs. Also zieht sie los, auf die Straßen der französischen Hauptstadt auf der Suche nach catchy Settings für TikTok-Reels. In einem alten Eisenbahntunnel verletzt sie sich an einem Metallgitter und zieht die Aufmerksamkeit der jungen Lutèce (Leonor Oberson) auf sich. Beide teilen nicht nur den Namen – Lutèce/Lutetia ist der antike Name der Millionenmetropole –, sondern bald auch die Transformation: Nach einem blutsaugenden Überfall verwandelt sich Paris in eine Vampirin und erlebt sich und ihre Umgebung gänzlich neu.
Gedreht in den nächtlichen Straßen von Paris. Ohne Genehmigung. Getragen von den Schauspielenden, ohne konventionelles Skript. Aus den kurzweiligen 109 Minuten holen Cast und Crew das Maximum raus. Dabei sind es hauptsächlich Nicky Murphy und Aminata Thiboult, die im Tandem Regie führen, Handlungen erdenken, den Sound justieren und Kostüme und Props machen. Heraus sticht vor allem der Schnitt, der Zeitsprünge und Auslassungen erzeugt. Im klassischen Dokumentarstil folgt die Kamera wackelnd der Protagonistin überall hin, Zimmer, Häuser, Keller, aber auch nach draußen über die Dächer Paris. Mit Händen zu greifen: die Chemie der drei Figuren. Durch große Schauspiellust ist der Film in der ersten Hälfte extrem witzig – mit einer superlustigen Zu-Fuß-Verfolgungsjagd, die drogenbedingt Slapstick-Ausmaße annimmt. Später fügt Mimi (Louiza Aura) eine spannende Zwischenebene hinzu: sie möchte freiwillig Vampirin werden, was zum Dilemma führt.
Wie hier mit den Regeln des Vampir-Seins in einer modernen Welt umgegangen wird, ist hochgradig originell. Vorbei die Zeiten barocker Tom-Cruise-Interviews und transsilvanischer Schlossherren. Die Sagengestalt kommt ins 21. Jahrhundert mit all seinen Tücken und Modeerscheinungen. Stichwort Karriere und Aufmerksamkeit: Paris’ neue Babywolfzähne und ihre strahlblauen Augen helfen ihrer Karriere im Musikbusiness. Auf weitere Superheldenkräfte wird übrigens glücklicherweise verzichtet, stattdessen erleben wir eher eine Art Magischer Realismus. Der Scarface-Zipper kündigt es dann an: Mit jedem Schritt höher auf der Popularitätsskala verliert Paris ihren ethischen Moralkodex. Wenn es diesen in dieser Welt überhaupt gibt. Schließlich sei niemand unschuldig, so Lutèce, nachdem die beiden leichtfertig einen weiteren Konkurrenten aus dem Weg geschafft haben. Leichen pflastern französische Straßen und Hinterhöfe. Das Vertrauensverhältnis bröckelt mit ein paar Notlügen. Es ist auch eine kleine Coming-of-age-Geschichte über Freundschaft und Vertrauen und Existenzkrisen. Eine offensichtliche Analogie queerer Identitätsfindung: „Why is it so hard to be alive?“
Neben der Kritik zu gieriger Sichtbarkeitssökonomie und maskulinem Establishment geht es auch um moralische Fragen: Gibt es gute und schlechte Vampire? Was ist schon dabei, Menschen mit körperlicher Behinderung zu töten bzw. in Vampirfachsprache „zu essen“? Paris trifft eine Gruppe weiterer Blutsauger, die sich der Mehrheitsgesellschaft entzogen haben, im Verborgenen leben und ethische Regeln mit einem Spritzer Baby-Blut hinunterschlucken. Peter Singer, der australische Utilitarist, würde sich vielleicht danebensetzen. Er argumentiert schließlich, dass wir keine Tiere essen sollten, weil wir dann auch Föten und geistig Deformierte töten könnten. Das Leben als Vampir ist nicht leicht, die Moral nur eine weitere Nacht des Hungers vor der Auslöschung entfernt. Auf die Kannibalismusfrage antwortet der Film so schwarzhumorig und progressiv, wie er es tun muss: mit der Möglichkeit veganen Blutes. Veganismus als Heilmittel gegen die Ausgrenzung. Schön, wenn die Welt so einfach wäre.
Fazit: Wer dachte, Vampirgeschichten wären auserzählt, hat die Rechnung ohne dieses französisch-australische Independent-Schmankerl gemacht. „I Love Paris“, nominiert für die heuer erstmals verliehene Queere Urne beim Wiener Slash Filmfestival 2026, ist urban, queer, slashy, ein bisschen creepy, musikalisch und sehr witzig, lebt von Dokumentar-Kamera und Herzblut-Improvisation der jungen, aufstrebenden Schauspielmenschen. Eine Mockumentary über die Moralflexibilität unserer Zeit, über GenZ-Existenzkrisen und Abgründe des Aufmerksamkeitskapitalismus.