Exklusiv für Uncut vom Slash Filmfestival
Wie der Titel schon verrät, spielt eines der beiden US-amerikanischen Carolinas eine zentrale Rolle in „Carolina Caroline“. South Carolina ist im romantischen Roadmovie-Thriller von Regisseur Adam Rehmeier Sehnsuchtsort der jungen Caroline aus Texas. Und gibt bald die Reiseroute vor. Sowie die Ästhetik. Titel und Hinweise zu Schauplätzen sind immer in den Farben der US-Flagge gehalten: Blau, Weiß und Rot.
Roadtrip ins Verbrechen
Caroline (Samara Weaving) beobachtet während ihrer Schicht in einer Tankstelle, wie ein Fremder den Verkäufer betrügt. Anstatt ihn zu verpfeifen, spricht sie den feschen Kerl (Kyle Gallner) an. Oliver, der ständig reist, könnte ihr Ticket raus aus Texas und nach South Carolina sein. Ihre Gelegenheit, ihre Mutter nach so vielen Jahren wieder neu kennenzulernen. Da die Chemie zwischen den beiden stimmt, geht es mit etwa 60 Dollar von Papa auf zu Mama. Oliver führt Caroline auch in die Geheimnisse des Lügens und Betrügens ein. Die junge Frau lernt schnell und wird seine Komplizin. Gleichzeitig entwickelt sich eine Liebesgeschichte zwischen den beiden. Als ein Bankraub schiefgeht, heftet sich die Polizei an ihre Fersen.
Ein Traumpaar und -cast
Vielleicht werden Samara Weaving und Kyle Gallner nicht als die großen Hollywoodstars angesehen. Beide haben sich aber vor allem bei Fans von schrägeren, düsteren Stoffen einen Namen gemacht. Vielleicht ein Traumpaar. „Carolina Caroline“ wartet aber mit einem weiteren Highlight auf. Kyra Sedgwick gibt Carolines Mutter, die ganz anders ist, als die Tochter erwartet hat, und sichtlich Spaß an ihrer Rolle hat.
Von der naiven Schönheit zur Gangsterbraut
Weaving (u. a. „Ready or Not“, „Over Your Dead Body“) verkörpert die Südstaatenbeauty Caroline, die sich mit miesen Jobs zufriedengibt, weil sie sich nicht traut, in die Welt zu ziehen, und schon gar nicht, ihre Mutter zu besuchen. In Oliver sieht sie die Chance, ihrem tristen Dasein zu entfliehen. Sogar als glamouröse Gangsterbraut. Dafür ist eine Verwandlung von der etwas naiven, unsicheren Landschönheit zur knallharten Verbrecherin notwendig, die dank Weavings Performance funktioniert.
Der mysteriöse Charmeur, der alle um den Finger wickelt
Kyle Gallner („Smile 1+2“, „Strange Darling“ etc.) gibt Oliver als charmanten Betrüger, der mit pseudo-philosophischen Sprüchen und viel Menschenkenntnis seine Opfer und auch Caroline um den Finger wickelt. Er kann aber genauso romantisch, gar zärtlich sein. Wobei wohl meist Kalkül im Spiel ist, denn durch Zuhören und Beobachten findet er einen Ansatzpunkt, um andere zu manipulieren. Ganz zu durchschauen ist Oliver nicht, wohl für niemanden. Immer wieder blitzt bei ihm zudem Kaltblütigkeit auf. Dann wird das Publikum daran erinnert, dass in ihm eben mehr als der charmante und sogar romantisch veranlagte Kleingangster steckt. Gallner ist als Oliver alles: Liebhaber, Freund, eiskalter Verbrecher und kluger Verführer. Und noch viele(s) mehr.
Typische Gangsterstory
Kaum ist Caroline in die Kunst des Betrügens eingeführt, setzt sie ihre Fähigkeiten ein. Moralische Bedenken zerbröseln schnell. Es gelingt zwar nicht gleich alles, aber bald gibt’s Betrügereien und Banküberfälle, die gekonnt, aber glatt und wenig originell in Szene gesetzt werden. Zugegeben, allzu variantenreich laufen solche Verbrechen wohl nie ab, wenn sie erfolgreich sein sollen, also die Räuber mit Geld aus der Bank kommen wollen. So aufwendig wie in typischen Heist-Movies ist die Geldbeschaffung nicht. So radikal kaltblütig wie Bonnie und Clyde, die gerne als Vergleich herangezogen werden, sind Oliver und Caroline aber auch nicht.
Haarige Verwandlung und Verkleidung
Wie zu erwarten, müssen Verbrecher auf ihr Äußeres achten und es gezielt einsetzen. Samara Weaving darf als Caroline verschiedene Haarfarben und Frisuren ausprobieren. So funktioniert Tarnung und Täuschung. Auch bei den Kostümen liegt der Fokus auf der weiblichen Figur. Sommerlich kurz, unschuldig und doch ein bisschen sexy präsentiert sich Caroline zu Beginn des Films. Eine junge Schönheit aus dem Süden halt. Bald wählt sie Kleidung, die einzigartiger und auffälliger ist. Sogar für die Banküberfälle. Vielleicht als Ablenkung, wobei hautenge Stücke in wenig zurückhaltenden Farben für eine Personenbeschreibung vielleicht doch im Gedächtnis bleiben. Egal, modisch sind sie. Für Oliver wird nicht so viel Aufwand betrieben. Er muss eher der Typ von nebenan sein, in Jeans, Hemd und Shirt drunter. Southern Style, reduziert. Ebenso nett anzuschauen, aber etwas legerer und nicht so auffällig.
Eine Portion Romantik, untermalt vom Americana-Soundtrack
Regisseur Rehmeier setzt nicht nur auf die Verführung der kriminellen Art. Drehbuchautor Tom Dean hat auch einige romantische Szenen für das verliebte Verbrecherpärchen eingebaut. Vom L’Amour-Hatscher zu „Cover me up“ von Jason Isbell über nächtliches Skinny-Dipping zu leidenschaftlicher Bettakrobatik und emotionalen Gesprächen ist in der Beziehung von Caroline und Oliver alles dabei. Generell tendiert der Soundtrack, der ganz auf Americana oder zumindest verwandte Genres wie Country oder Roots Rock setzt, ein bisschen zu Pathos und Schmalz, transportiert aber ebenso das Flair der Schauplätze. So fungieren die Songs als wunderbare Untermalung der Geschichte. Kitsch, der atmosphärisch und emotional funktioniert.
Routinierte Unterhaltungskost
„Carolina Caroline“ wird vom Cast getragen. Weaving und Gallner sind als schlitzohriges Paar spritzig, charmant und auch schön anzuschauen. Einige Nebenfiguren bekommen ebenso ihren Auftritt zum Glänzen. Und der Soundtrack kann in Kombination mit Schlüsselmomenten für Gänsehaut sorgen, wenn man sich darauf einlässt. Ansonsten ist Rehmeiers Roadmovie-Gangsterballade konventionell und routiniert umgesetzte Unterhaltung. Ja, das macht schon noch einen guten Film, aber eben keinen außergewöhnlichen. „Carolina Caroline“ ist nicht so kultverdächtig wie einst „Bonnie und Clyde“.