Filmkritik zu Resident Evil

Szenenbild aus Resident Evil Fotos: Constantin Film
  • Bewertung

    Die Kunst des Erwartungsmanagements

    Exklusiv für Uncut
    Nach dem Überraschungshit „Weapons“ (2025) – ihr erinnert euch an Tante Gladys, die durch Amy Madigan nicht nur einen Schauspiel-Oscar gewann, sondern auch tausende Menschen in ihren Träumen verfolgte – folgt Zach Creggers nächster Streich. Weniger die Adaption eines spezifischen Spiels als vielmehr eine Neugeschichte im Universum: Die Verfilmung des berüchtigten Videospiel-Franchise „Resident Evil“. Im Zentrum steht Bryan (Austin Abrams), medizinischer Kurier, der ein MacGuffin mit höchster Priorität ins Krankenhaus nach Raccoon City bringen muss. Die Flucht durch eine von der Seuche zerfressene Stadt beginnt…

    Besonders gelingt der Anfang, in dem Cregger uns in die Welt saugt und sein virtuoses Filmhandwerk zimmert: Eine Fargo-ähnliche Schneelandschaft, Coen-Brüder-Galgenhumor, minimalistische Sets, Hitchcock-Suspense und die hinreißende Kamera von Dariusz Wolski („Der Marsianer“) formen eine sinnlich-dichte Atmosphäre. Wir folgen unserem Protagonisten abwechselnd über First-Person- und Third-Person-Shots, bleiben immer dicht bei ihm. Wir schwenken mit ihm durch Räume und öffnen knarzende Türen so, als würden wir ihn über den Controller steuern. Inszenatorisch bebildert Cregger das Videospiel-Vorbild nicht einfach, er übersetzt dessen Spielgefühl in Filmsprache. Er wollte eine Geschichte bauen, die in dieser Welt spielt und die Stimmung der Spiele einfängt. Das gelingt ihm in weiten Teilen – und zusätzlich verbaut er sein Markenzeichen: den Bruch mit Erwartungen.

    Jumpscares gehören zum Genre, da gibt es keine zwei Meinungen. Jedoch erschöpft sich der abrupte Schrecken schnell, wenn inflationär und vorhersehbar eingesetzt. Cregger schafft es hier dennoch, uns aus der Sicherheit zu reißen. Ruhe und Lautstärke wechseln genau in den falschen Momenten. Einige Scares sorgen im Kinosaal für kollektive Schnappatmung. Zu den cineastischen Höhepunkten gehören diverse Mise-en-scène-Einstellungen. Wenn Bryan seine Stationen vom Autounfall über die Scheune bis zum Landhaus durchläuft, sehen wir im Hintergrund seine Wegstrecke, buchstäblich wie Spuren im Schnee. Cregger schafft Orientierung und bewegt sich mit seiner Figur gekonnt durch Zeit und Raum. Eine Klarheit, die viele Filme vermissen lassen.

    Mit zunehmender Spielzeit baut „Resident Evil“ allerdings ab. Mit dem Settingwechsel nach Raccoon City, in die Großstadt, verliert sich das Geschehen zunehmend in absurden Comedy-, Body-Horror- und Splatter-Elementen. Körper und Gliedmaßen deformieren, verkeilen, verschmelzen, werden gewürfelt und zerplatzen. Zwischendurch sitzt ein gigantischer, nackter Glatzkopf in der Kanalisation, der Baron Harkonnen aus „Dune“ verdammt ähnlich sieht. Der urbane Raum kann dennoch nicht mit den ersten Sets mithalten, die Action nimmt genauso Überhand wie der Humor. Und damit ist ein kontroverser Punkt angesprochen.

    Denn auch mit seinem Witz bricht Cregger die Erwartungen. Bryan polarisiert, handelt nicht immer plausibel, kommentiert das meiste mit einem „fuck“ und erinnert eher an McLovin aus „Superbad“ als an den Alltagskumpel, der sich in bester Heldenreisenmanier entwickelt. Figurentiefe suchen wir ohnehin vergeblich. Bestes Beispiel ist die Szene mit Paul Walter Hauser, in der beide minutenlang im Auto sitzen und überlegen, wie sie eine Maschinenpistole laden. Ein Lowlight in Sachen Grusel und Witz. Und das, obwohl Cregger nach Testscreenings bereits eine Menge Gags aus dem fertigen Film geschnipselt hat. Humor ist hochsubjektiv. Für mich funktioniert das Auflockern der Blutorgien aber gut.

    „Resident Evil“ reiht sich in eines der prägendsten Kinogenres unserer Gegenwart ein: den Horrorfilm. Er ist „Backrooms“ nicht unähnlich – eine neue Art hochatmosphärischer Schocker, mit Witz versetzt und insofern „elevated“, als im Subtext zumindest der Versuch unternommen wird, etwas Intelligenteres zu erzählen. Genau bei Letzterem fällt das hiesige Zombie-Gemetzel jedoch. Ängste vor der Elternschaft kennen wir alle; so leichtfertig wie hier wurden sie selten verarbeitet. Ansonsten passt der Film gut in den philosophischen Zeitgeist: Die Vernunft bröckelt, Körperlichkeit gewinnt an Bedeutung. Der Körper wird zum Austragungsort des Grauens, aber eben nicht automatisch zum Träger eines tieferen Gedankens. Abseits davon fehlen Substanz und echter inhaltlicher Unterbau; an ihre Stelle treten eher spröde Beziehungsgefühle.

    Fazit: Cregger zementiert seinen Status als einer der drei neuen Sterne am Kinofirmament. Zusammen mit Kane Parsons und Curry Barker steht er für eine Generation junger Filmemacher, die das Genre so mehrheitsfähig gemacht hat, dass selbst ich mich vor die Leinwand wage. „Resident Evil“ ist weder Horror-Leuchtturm noch Kino-Revolution. Aber er ist ein äußerst solider Survival-Streifen, der die Inszenatorik des Videospiels erstaunlich konsequent in filmische Grammatik übersetzt – getragen von einer schnörkellosen Kameraarbeit und einem Regisseur, der verstanden hat, dass Angst aus dem besteht, was wir im nächsten Moment erwarten.
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    (André Masannek)
    21.09.2026
    21:48 Uhr
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