Exklusiv für Uncut von den Filmfestspielen in Venedig
Kein Bandzerwürfnis ist so berüchtigt wie dieses, doch die Gründe dahinter wird das Brüderpaar womöglich ins Grab mitnehmen. 1991 riefen Liam und Noel Gallagher, beide einer einfachen Arbeiterfamilie in Manchester entspringend, ein kleines Musikprojekt ins Leben, das die Sounds der Kinks und der großen Beatles als Hauptinspiration zitierte. Dass Noel und Liam dem Riesenerfolg von George, John, Paul und Ringo nur wenige Jahre später schon nahekommen würden, hätten sich die Streithanseln zu diesem Zeitpunkt nicht erträumt. Doch der Rest ist Geschichte. Ihr 1993 erschienenes Album „Definitely Maybe“ schlug in der Musikindustrie ein wie eine Bombe, in Rekordzeit wurde es zum best-verkauften Debütalbum in der Geschichte Großbritanniens. Und zum definierenden Moment der Britpop-Bewegung der Neunzigerjahre. Zwei Superstars waren geboren. Noel, der Zurückhaltende der beiden, der sich primär dem Songwriting und seinem Gitarrenspiel verschrieb. Liam, die aufmüpfige Labertasche, die der Band in den meisten Songs seine rotzige Stimme lieh. Gegensätze ziehen sich an. Zumindest so lange bis Erfolg, Exzesse und Geniekult die Großkotzigkeit zum Überlaufen bringen.
Noel und Liam hatten früher nie das beste Verhältnis, daraus machen die Brüder bis heute keinen Hehl. Immer wieder flogen die Fetzen – privat wie auf der Bühne. 2009, während tausende Fans in Paris der Ankunft ihrer Britpop-Helden entgegenfieberten, die ernüchternde Nachricht: Oasis werde heute Abend nicht auftreten. Und auch in Zukunft nicht mehr. Eine Auseinandersetzung hinter den Kulissen, die genauen Gründe wurden nie öffentlich, entzweite das Duo. Jahrelang herrschte totale Funkstille, nicht mal ihre Töchter und Söhne – so gibt man hier preis – durften einander kennenlernen. Dann vor etwa zwei Jahren die Sensationsnachricht: 2025 werden die Gallagher-Brüder gemeinsam auf die großen Weltbühnen zurückkehren. Mit ihrer Doku „Oasis: Don’t Look Back in Anger“ geben Will Lovelace, Dylan Southern uns Steven Knight exklusive Einblicke in die Reunion-Tour. Über den begrenzten Horizont des Konzertfilm-Genres wird aber weit hinaus geblickt. Was man hier geboten bekommt? Eine nahezu poetische Ergründung des Kultphänomens, das Massen jeder Couleur und Klasse zusammenschweißt.
Working Class Heroes mit messianischem Effekt
In intimen Nahaufnahmen – an den Kameras saßen begehrte DOPs aus aller Welt – gewährt der Film bisher unveröffentlichte Einblicke in das letztjährige Konzertgeschehen: vom walisischen Cardiff angefangen über Nordamerika, Asien und Australien und abschließend in Südamerika. Ein Zwischenstopp in der Heimat darf selbstredend nicht fehlen. Die Mancunians, die Einwohner Manchesters, verspüren eine enge Verbundenheit zu ihren Lokalhelden, die der Film als eines seiner Hauptthemen ausarbeitet. Ihre Wurzeln in Burnage, einem der ärmsten Viertel der Stadt, tragen Liam und Noel weiter mit Stolz. Ihre getreusten Anhänger und Anhängerinnen, ein im Film gesagter Vergleich mit dem aufständischen Jubel der Stadionfußballfans treffend, erkennen sich und die Arbeiterklasse im Oasis’schen Songalphabet – von „Champagne Supernova“ zu „Wonderwall“ – wieder. Aber eben nicht nur. Der zeitlose Appeal ihres Liederkatalogs hat ein klassenverbindendes Element, das gegenwärtig in der Monokultur zur Seltenheit geworden ist. „Don’t Look Back in Anger“ versucht der fast religiösen Verehrung, dem Rückhalt, den ihre Jüngerinnen und Jünger in der Musik zu erkennen meinen, auf den Grund zu gehen. Diese war, so zeigt eine erheiternde wie bewegende Sequenz im Film, unter anderem auch Anlass für einen legitimen Gottesdienst in einem katholischen Gebetshaus.
Vergeben, ohne zu vergessen
Die beeindruckenden Konzertaufnahmen sind bloß schmückendes Beiwerk. Durch das komplizierte Verhältnis seiner zwei Subjekte und der Reflexion über die eigene Beziehung gerät „Don’t Look Back in Anger“ in profundere Sphären, als es ein schlichter Musikfilm vermuten ließe. Anders als bei „Supersonic“, der bislang berühmtesten Doku über die Gallagher-Brüder, steht nicht die Explosivität ihrer Beziehung im Vordergrund. Während die Tour voranschreitet, zu Anfang ist das Verhältnis noch eingefroren, sieht man Unglaubliches geschehen: zwei Brüder, die lange nicht mal im selben Raum stehen konnten, reichen einander den Friedenszweig. Was als widerwilliges Reunion-Projekt begann, wird allmählich zur bittersüßen Reflexion über Familie, Nostalgie und dem Versöhnen. Die übersentimentale Note wirkt da nicht mal fehl am Platz. Ein Must-See für Fans mit einer schmerzhaften Kernfrage, die selbst Non-Fans ins Grübeln bringen dürfte:
Lohnt es sich, auf ewig Groll zu hegen?