Exklusiv für Uncut von den Filmfestspielen in Venedig
Ihm und seinem Team gehe es um Gerechtigkeit. Darum, alle (potentiellen) Kinderschänder bloßzustellen und dingfest zu machen, die durch das Raster der Justiz fallen. Die mit verdecktem Benutzernamen im Netz Minderjährige zu verführen versuchen. Nur eben vor laufenden Kameras und einem Millionenpublikum, das schaulustig auf den Bildschirm glotzt. Wie aufrecht kann dieses Vorhaben sein, wenn es dem Gedanken folgt, Fernsehentertainment zu produzieren?
In „Primetime“ erzählt Lance Oppenheim, bisher nur als Dokumentarfilmer aktiv gewesen, die reale Story von Chris Hansen, dem Mann, der mit seiner Show „To Catch A Predator“ jahrelang Pädophile enttarnte. Das Konzept immer dasselbe: online wird unter verdeckter Identität ein Treffpunkt vereinbart, die Täter sind im Glauben, mit Minderjährigen zu kommunizieren. Ist die Falle gelegt, öffnet ein erwachsener Lockvogel in Kinderklamotten die Tür und bumm: die Chris-Hansen-Show legt los. „I'm Chris Hansen with Dateline NBC and we are doing a story on adults meeting young teens online for sex.“ Das Prozedere: „Why don't you have a seat over there?“ Täter erkenntlich gemacht, Ruf – zurecht mit Verlaub - auf ewig ruiniert. Doch ging es Hansen überhaupt je um die Opfer oder lediglich um die Quote? Ein Streitthema, über das sich - Fans und Kritiker der Show - seit geraumer Zeit die Köpfe zerbrechen.
Oppenheims Porträt des Pädo-Fängers, ein furioser Mix aus Mediensatire und Crime-Thriller, ist jedenfalls kein schmeichelhaftes. Brillant wird er verkörpert von Ex-Twilight-Teenieheld Robert Pattinson, der eine goldene Mitte zwischen verführerischem Charisma und erschreckender Quotenobsession findet. Er legt Hansen als Getriebenen an, als schleimigen Meistermanipulator, der alles und jeden um ihn herum nur als Mittel zum Zweck sieht, das eigene Kartenhaus des Erfolgs höher zu stapeln. Als ein frisch besetzter Jungschauspieler sich als perfekter Lockvogel erweist, sieht man Dollarzeichen in seinen Augen aufblitzen. Dan Plumb (Skyler Gisondo in einem karrieredefinierenden Part) sieht die Anstellung als Chance, sich als Schauspieler zu etablieren. Doch lohnt es, dafür moralische Grenzen zu ignorieren?
Galgenhumor und betörende Y2K-Ästhetik
In einem funkelnden Farb- und Bilderrausch lässt Oppenheim die überstimulierende Ästhetik der Y2K-Jahre wiederaufleben, ohne diese Ära nostalgisch zu verklären. Stilistische Eigenheiten dieser Zeit werden in die Inszenierung eingebettet: pixelbehaftete Aufnahmen wie von der VHS-Kassette, aufmerksamkeitheischende Schnittfolgen, Konversationen in schäbigen Chat-Foren. Oppenheim nutzt diese Mittel ausgetüftelt, um die Geschichte in passende Bilder zu verpacken. Sinnentleerte Gimmickhaftigkeit kann man hier nicht vorwerfen. In einem klugen Meta-Spiel mit Erwartungen wurden darüber ehemalige Kinderschauspieler besetzt, ausgerechnet in den Rollen der Sexualverbrecher: etwa Alex Winter („Bill und Ted“), Jonathan Lipnicki („Stuart Little“) oder Tony Revolori („Grand Budaptest Hotel“).
Auch in seinem Humor irrt „Primetime“ durch ein Labyrinth der Anspielungen aus der Zeit, der man sich verschrieben hat. Als „To Catch A Predator“ zur Hauptsendezeit verschoben wird, möchte man es mit den ganz Großen aufnehmen. „We're gonna be bigger than 'Lost'“ („Wir werden noch größer sein als 'Lost'“), fantasiert Pattinsons Hansen in einem Moment der Ekstase. Dieses Ziel konnte man nicht erreichen, aber immerhin wurde der popkulturelle Fußabdruck größer als der anderer Shows, die man namentlich erwähnt. Etwa „Joey“, das gescheiterte Spin-Off zur Kult-Sitcom „Friends“ und abstruses Relikt dieser Zeit.
Regisseur Oppenheim suhlt sich genüsslich in (teils nischigen) Referenzbildern einer Zeit, in der DIY-Sensationalismus und computeranimierte Klingeltonfrösche mit oder ohne Genitalien die Medienwelt dominierten. In einem besonders düsteren Hintergrundgag wird ein Fast-Food-Menü angeworben, das nach einem gewissen Jared Fogle benannt wurde. In Folge eines nie verifizierten Mythos, demnach bei Fogle durch den täglichen Konsum von Subway-Sandwiches die Kilos im Nu purzelten, stilisierte ihn die Brötchenkette einst zum Maskottchen ihrer Marke. Man reichte ihn von Show zur Show. 2015 wurde er, nach Ermittlungen des FBI, zu einer Haftstrafe von mindestens 15 Jahren verurteilt. Für Besitz und Verbreitung von Kinderpornografie.
Hochmut kommt vor dem Fall
Sein Fall in Richtung Ungnade mag nicht so tief gewesen sein, doch auch Chris Hansen hat seine Reichweite perfide ausgeschlachtet. Und ging mit seinen Methoden - unfreiwillig muss man erwähnen - schließlich sogar über Leichen. Die Jagd nach dem „großen Wal“, ein mutmaßlicher Politiker und verdeckter Straftäter, wird in Oppenheims Film zum hochdramatischen Klimax. In fiebriger Besessenheit steuert der Film, nach einer schwarzhumorigen ersten Hälfte, auf eine hochdramatische Hetzjagd zu. Dass die Getriebenheit Hansens auch dessen Privates im Griff hält, wird nicht ausgespart. Tonal wird gelegentlich zu radikal zwischen Satire und Thriller gewechselt und auch Figuren, die man anfangs groß etabliert, etwa eine Lockvögelin, die sowohl Mädchen als auch Buben verkörpert (Indie-Popstar Phoebe Bridgers in ihrem gelungenem Schauspieldebüt) geraten in den Hintergrund. Da Hansen nicht viel auf seine Mitmenschen gibt, die ihm keinen Vorteil verschaffen, könnte dies auch eine bewusste Entscheidung gewesen sein. In seinem Leben, so seziert es Oppenheim, ist jeder Mensch nur Baustein, um den eigenen Gottkomplex zu füttern. Sieht er in Person XY keinen Nutzen, verliert er Interesse. Negative Presse soll mit mutmaßlich couragiertem Verhalten so gut wie möglich aus dem Weg geräumt werden.
Nein: „Primetime“ versucht nicht die Sexualdelikte, die Hansen an den Pranger stellte, unter Schutz zu nehmen. Gewiss nicht. Aber Oppenheim und Drehbuchautor Ajon Singh hinterfragen, wie viel seiner Show eben nur das war: Show. Und ob seine Taktik wirklich das Leid der Opfer milderte. Der finale Film ist beklemmend und unterhaltsam zugleich geworden. Wie das Format, das man seziert. Mit einem wesentlichen Zusatz: Selbstreflexion.