Exklusiv für Uncut
Mit ihrer neuen Beziehungskomödie „The Invite“ wandelt Olivia Wilde auf den Spuren Edward Albees und zieht eine andere Art von „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“-Szenario auf. An ihrer Seite: Seth Rogen, Penélope Cruz und Edward Norton.
Ja, der Vergleich mit Albees emotional sehr auslaugendem Stück, das vor 60 Jahren kongenial von Mike Nichols mit dem damaligen Hollywood-Traumpaar Elizabeth Taylor und Richard Burton sowie George Segal und Sandy Dennis als anderem Leinwandpaar verfilmt wurde, ist gar nicht so weit hergeholt. „The Invite“, wiederum das US-amerikanische Remake des spanischen Films „Sentimental (The People Upstairs)“ (2020) von Cesc Gay handelt von zwei ständig streitenden Eheleuten, die eines Abends das Pärchen aus der Wohnung über ihnen zum Dinner einladen und ein paar unvergessliche Stunden mit ihnen verbringen. Bis auf die Eröffnungssequenz, die Angela (Olivia Wilde) bei den Vorbereitungen auf das Zusammentreffen der beiden Paare und ihren Gatten Joe (Seth Rogen) auf den Weg von der Arbeit nach Hause zeigt, spielt der restliche Film im Apartment der beiden, in dem sie gemeinsam mit ihrer Tochter Maggie leben, die an diesem Abend bei einer Freundin übernachtet. Und man merkt sofort, dass der eheliche Alltag für die Beiden mehr Schein als Sein ist. Sie verbringt den ganzen Tag damit, die frisch renovierte Wohnung einzurichten und zu dekorieren, während er mit seinem Dasein als Musiklehrer am „East Bay“-Konservatorium hadert, wo ihm doch mit seiner ehemaligen Rock-Band „The Onslaught“ 2008 ein „One-Hit-Wonder“ mit dem Angela gewidmeten Song „One Girl“ gelang. Joe stört sich schon lange daran, dass die Nachbarn Hawk (Edward Norton) und Pína (Penélope Cruz) jede Nacht lauten, animalischen Sex haben. Tatsächlich nutzen der pensionierte Brandbekämpfer und die Psychotherapeutin und Sexologin die Gelegenheit, sich bei ihren Nachbarn für die nächtliche Ruhestörung zu entschuldigen. Doch sie haben auch noch ganz andere Absichten, die den Verlauf des Abends vollends aus dem Ruder laufen lassen und an dessen Ende sie Joe und Angela vor erstaunlich tiefschürfende Tatsachen stellen.
Es ist ein ausgesprochen witziges und unterhaltsames Schelmenstück, das Wilde da mit ihren Co-Stars aufführen darf, und das dialogstarke Drehbuch von Will McCormack und Rashida Jones gibt ihnen viele Gelegenheiten, ihr komödiantisches Können unter Beweis zu stellen. Für Seth Rogen ist es eine Rolle, die perfekt auf ihn zugeschnitten ist, und mit der er sich seit nunmehr zwanzig Jahren einen Namen gemacht hat. Mit Olivia Wilde harmoniert er wirklich gut, gerade weil sie sich die meiste Zeit mit einem mitunter ermüdenden Tempo kabbeln, dass sich die Balken biegen. Da kann Penélope Cruz über weite Strecken nicht mithalten. Die vielleicht größte Überraschung ist aber sicherlich Edward Norton. Der für sein hingebungsvolles und oftmals intensives „Method Acting“ bekannte Mime beweist erstaunlich witziges Timing, gerade im Zusammenspiel mit einem Vollblutkomiker wie Seth Rogen. Je länger die Scharade andauert und je schlüpfriger die Ausführungen über die, nun ja, besonderen Aktivitäten der Nachbarn von oben werden, desto mehr entgleitet den Akteuren die Kontrolle über die irrwitzige Handlung. Wenn es dann aber gegen Ende erstaunlich emotional wird, führt das zu einem runden und zufriedenstellenden Ende.
Der Film beginnt mit einem treffenden Zitat von Oscar Wilde, der Olivia zu ihrem Künstlernamen inspirierte: „One should always be in love. That is the reason one should never marry.“ Mit diesem Gedanken im Hinterkopf beobachte ich als Zuschauer, wie sich Joe und Angela in der Gegenwart ihrer hedonistischen Nachbarn über deren ausschweifendes Liebesleben amüsieren, während bei ihnen selbst die Leidenschaft und die Zuneigung längst erloschen ist. Da ist die Partizipation in einer etwas freizügigeren Gesellschaft oder gar ein Partnertausch eine nur allzu verlockende Alternative. Aber kann sie die fehlende Intimität und Wertschätzung füreinander ersetzen, die mit dem ehelichen Alltag und der Einsicht, dass weder Joe noch Angela mit ihrem Leben wirklich zufrieden sind, verloren gegangen ist? Pína bezeichnet es in einer Schlüsselszene am besten, wenn sie meint, dass der einzige Ausweg aus ihrer Lage das Ende der Beziehung ist. Entweder geht man eine Bindung mit einem anderen Menschen ein, oder man entscheidet sich für eine neue Bindung mit dem gleichen Menschen. Mit genau diesem Gedanken trifft der Film dann, nach knapp 100 Minuten Chaos, Dialogscharmützeln und Sexwitzen, in der ergreifenden, wortlosen Schlussszene doch noch ins Herz. Das hätte sicher auch Mike Nichols oder Diane Keaton gefallen – letzterer ist der Film auch gewidmet.
„The Invite“ gefällt mir unterm Strich sehr gut, weil er anhand dieser spannenden Figurenkonstellation wichtige Beziehungsfragen aufwirft und sie dank seines engagierten und bestens aufgelegten Starquartetts verhandelt. Auch wenn die tonale Balance nicht immer stimmig ist und die Inszenierung etwas mehr Zurückhaltung gebraucht hätte, schafft Wilde ein vergnügliches Kammerspiel. Anders als „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ hinterlässt dieser Film aber einen hoffnungsvollen Nachgeschmack.