Exklusiv für Uncut
Nino und Yasmina kommen am selben Tag im selben Krankenhaus in Beirut im Abstand von nur wenigen Sekunden auf die Welt. Im Kriegsgebiet Libanon erzählt der Film ihr Leben über drei Dekaden hinweg. Die Filmcredits am Anfang laufen über die Bilder ihrer Kindheit, bis sich die beiden in der Schulzeit in einer gemeinsamen Klasse wiederfinden – in einer Situation, in der die strenge Lehrerin die Schüler:innen aufruft ihre Aufsätze vorzulesen, was damit endet, dass Yasmina, die über die tabuisierte Fortpflanzung schrieb und Nino, der wiederholt „Insel“, den imaginären Ort, wo sich seine verstorbenen Eltern seiner Meinung nach befinden, in den Raum ruft, sich in die Ecke stellen müssen. Von da an entwickelt sich zwischen den beiden eine Freundschaft. Sie verbringen gemeinsame Zeit in einem leerstehenden Zugabteil, wo Nino Yasmina seine erste kindliche Liebeserklärung macht. Sie schmieden miteinander den Plan gemeinsam Beirut zu verlassen, aber Yasmina taucht nicht auf und die beiden begegnen sich erst 25 Jahre später wieder. Das Drehbuch beziehungsweise die Geschichte ist nicht an allen Stellen logisch einfach zu erfassen. Nino hat zum Zeitpunkt des Wiedersehens das Lokal seiner Familie übernommen, in dem sich alles um Essen dreht und auch ein gewisser Chaos-Faktor mit dem befreundeten Koch und seiner schwangeren Freundin vorherrscht, bei der mitten im Trubel die Wehen einsetzen, wo glücklicherweise die Geschäftsfrau Yasmina sie mitsamt den Männern in ihrem Auto ins Krankenhaus bringt.
Nino ist schnell voll Emotionen für Yasmina, umwirbt sie unermüdlich, die beiden verlieben sich und werden ein Liebespaar. Eindrucksvoll wie Yasmina anfänglich noch einen relativ selbständigen weiblichen Lebensentwurf verkörpert und pessimistisch artikuliert, dass sie keinen Kinderwunsch in den bedrohlichen Kriegskrisensituationen im Libanon hegt.
Kind und Krieg
Zu abrupt erfolgt der Zeitsprung in der Geschichte, dass plötzlich Ninos und Yasminas Tochter zum Aufstehen am Morgen im Bett gekuschelt wird. Ups, ungewollt schwanger geworden.
Doch die Umstände im Libanon sind desaströs: die Banken unterschlagen Geld und werden geschlossen, Korruption herrscht vor. Die Terrororganisation Hisbollah taucht in diesem Film nicht auf, was einen seltsamen Eindruck hinterlässt, da sie in jeder kritischen Medienberichterstattung über den Libanon permanent erwähnt wird.
Yasmina erhält ein Jobangebot in Abu Dhabi und entscheidet sich mit ihrer Tochter dorthin umzuziehen, während Nino mit seinem sterbenden Onkel in Beirut zurückbleibt. Auch sein Freund, der ehemalige Koch, verlässt mit seiner Frau und seinem Kind Beirut und das Lokal, das traurig leer zurückbleibt. Der Film lässt die Hoffnung offen, dass die Hauptfiguren wieder vereint sein werden und eine neue Existenz aufbauen können. Das Abschlussbild am Ende ist die imaginierte Insel, auf der alles gut ist.
An die große, einzige Liebe zu glauben ist eine gute, wichtige Voraussetzung für die Glaubwürdigkeit der in diesem Film erzählten Unerschütterlichkeit der heterosexuellen Paarbeziehung, die sich über Krisensituationen des Krieges hinwegzusetzen vermag. Oder kann sie es vielleicht gerade deshalb so kontinuierlich?
„A Sad and Beautiful World“ wurde 2025 bei dem Filmfestspielen von Venedig mit dem Publikumspreis ausgezeichnet.