Filmkritik zu Red Rocks

Szenenbild aus Red Rocks Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Bitte nicht vom Felsen springen (oder doch?)

    Exklusiv für Uncut aus Cannes 2026
    Der ehemalige Philosophieprofessor und heute renommierte Filmregisseur Bruno Dumont, der mit seinem Film „L’humanité“ 1999 in Cannes erstmals den Großen Preis der Jury gewann, zeigt in seinem neuen, ebenfalls in Cannes prämierten Film das Leben von Kindern in einer kleinen französischen Küstenstadt nahe der italienischen Grenze, geprägt von den charakteristischen roten Felsen der Region. Der Film erzählt von Kindern, ihrer ersten Liebe, von Rache und den ersten intensiven Gefühlen des Erwachsenwerdens – und entwickelt sich zugleich zu einer tiefgründigen Untersuchung des Menschlichen.

    Die Kinder sind hier eine ziemlich offensichtliche Metapher für die Menschheit – und zugleich ihr Gegenbild. Auch der Name des Protagonisten, Géo (Kaylon Lancel), verweist darauf: Wichtig ist nicht so sehr der konkrete Junge, sondern vielmehr die Menschheit selbst und die Vorstellung von ihr als Kind. Doch der oft satirische Bruno Dumont entscheidet sich nicht dafür, dieses Motiv vollständig auszuspielen, sondern nähert sich dem Geschehen eher mit einer fast dokumentarischen Perspektive. Deshalb könnten die meisten Ereignisse trotz ihrer Absurdität durchaus wie Improvisationen kleiner Kindern wirken.

    Obwohl eine eigentliche narrative Handlung beinahe fehlt, steht ein kindliches Liebesdreieck im Zentrum des Geschehens. Der fünfjährige Géo verliebt sich in Eve (Kelsie Verdeilles), Eve hingegen liebt B (Alessandro Piquerra), entwickelt jedoch Gefühle für Géo. Die beiden verbringen immer mehr Zeit miteinander, was schließlich zu grausamen Konsequenzen führt. Der kleine blondhaarige Junge versucht, Eves Herz durch Zeigen seines Mutes zu gewinnen, der an Dummheit grenzt – immer wieder klettert er auf höhere Felsen und springt hinunter ins Meer. Gerade dadurch beginnt er der sehr naiven Eve zu gefallen.

    Die Grenze spielt ebenfalls eine zentrale Rolle. Dies wird bereits durch die Wahl des Schauplatzes betont – eine kleine Stadt an der Côte d’Azur, nahe der Grenze zu Italien.
    Klassen-, moralische und geografische Grenzen, Grenzen in Beziehungen und Handlungen – und natürlich das Überschreiten eben dieser Grenzen – bilden bei Bruno Dumont eine Art Karte des menschlichen Daseins, auf der das Mögliche selbst erprobt wird.

    Die Liebeslinie ist dabei von besonderem Interesse. Einerseits handelt es sich um einen klassischen Kampf um das Herz der Geliebten. Bei genauerem Hinsehen verbirgt sich jedoch eine fast shakespearehafte Tragödie – eine Art „Romeo und Julia“, nur dass hier nicht zwei verfeindete Familien kämpfen, sondern zwei soziale Klassen. Die Familie von Géo bleibt unklar, offenbar lebt er im Auto. Eves Familie hingegen wohnt in einer großen Villa. Was aus kindlicher Perspektive keinerlei Hindernis darstellt, wird für die wahrscheinlich liberale Mutter zum Problem. Ihre Ablehnung äußert sich in einem einzigen Kommentar während ihrer Begegnung: von Felsen zu springen ist verboten. Dabei ist bemerkenswert, dass es der Mutter weniger um die konkreten Gefahren geht, sondern vielmehr um die Verletzung der Regeln und des Gesetzes.

    Auch die Mutter besitzt ihre eigene Geschichte, über die sich nur spekulieren lässt. Géo und Eve reisen allein nach Italien zu Eves Großvater, was bei ihm zwar für eine gewisse angenehme Überraschung sorgt, doch auch für ihn steht das Kind nicht im Mittelpunkt – deutlich interessanter ist das Tennistraining inmitten seiner Windhunde als die Zeit mit der Enkelin. Gleichzeitig eröffnet sich für den Zuschauer ein weiterer Interpretationsraum durch Eves Bemerkung, ihre Mutter halte den Großvater für verrückt. Die Gründe dafür erscheinen nachvollziehbar: die vermutlich liberale Mutter und der konservative Großvater dürften in vielen politischen Fragen nicht übereinstimmen. Gleichzeitig hindert sie das nicht daran, das Vermögen des Großvaters zu nutzen und selbst in einem ebenso luxuriösen Anwesen zu leben. So zeigt sich die bourgeoise Klasse zwar politisch gespalten, doch ihre Lebensgewohnheiten bleiben davon unberührt – lediglich eine neue Grenze innerhalb derselben sozialen Welt hat sich herausgebildet.

    Obwohl Bruno Dumont in diesem Film kein direktes Urteil über die Menschen fällt, lässt seine distanzierte Kamera dennoch kaum Raum für echtes Mitgefühl. Das blutige Ereignis gegen Ende dürfte daher allenfalls jene überraschen, die im Alter der Filmfiguren sind.

    Doch es gibt ein ebenso vieldeutiges Symbol – die Sprünge von Felsen. Der Sprung selbst, den der junge Darsteller offenbar tatsächlich ausgeführt hat, scheint sich einer Form von Transzendenz zu nähern. Der kurze Moment des Falls umfasst dabei eine Art Ewigkeit, und das, was beim Zuschauer Nervenkitzel auslöst, wirkt auf der Ebene der Figur beinahe erhebend. Es ist eine bemerkenswerte Beobachtung von Bruno Dumont, dass der Sprung nach unten von dem Felsen paradoxerweise nach oben zu führen scheint. Diese transzendente Seite des Springens stellt die zentrale Frage des Films: führt uns dieser metaphorische Sprung nach oben oder zerschellen wir? Können wir wieder auftauchen, oder versinken wir im azurblauen Wasser?

    Und da der Charakter nach einem Sprung vom sehr hohen Felsen tatsächlich wieder auftaucht und anschließend eine weitere gute Nachricht erhält – nämlich, dass B, den Géo zuvor mit einem Stein geschlagen hat, überlebt hat – entsteht ein ambivalenter Eindruck. Wahrscheinlich ist Bruno Dumont im Laufe der Jahre milder geworden, weshalb er im Finale nicht in reine Misanthropie verfällt, sondern der Menschheit zumindest eine Chance einräumt. Vieles bleibt jedoch im Film seltsam – von den Felsensprüngen bis hin zu den Windhunden auf dem Tennisplatz. Gerade darin liegt der Reiz des Films – er erlaubt es, gleichermaßen zu schmunzeln und zu erschrecken, auch wenn er dabei mitunter ermüdend wirkt.
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    (Luka Dzhibiani)
    30.05.2026
    08:28 Uhr
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