Filmkritik zu The Meltdown

Szenenbild aus The Meltdown Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Auffe aufn Berg (Chile Remix)

    Exklusiv für Uncut aus Cannes 2026
    Etwas versteckt in den Filmen der „Un Certain Regard“-Schiene der 79. Festspielen in Cannes geht „The Meltdown“ dem Verschwinden der deutschen Profi-Skifahrerin Hanna (Maia Domagala) auf die Spur. Manuela Martelli gibt als Regisseurin einen Einblick in das chilenische Gebirge und erzählt die Handlung aus der Perspektive von Inés (Maya O’Rourke).

    Auffe aufn Berg (German Remix)?

    Während ihre Eltern auf Geschäftsreise in Spanien sind, verbringt Inés ihre Ferien im Hotel ihrer Großeltern und schlägt sich die Zeit mit Schulaufgaben und heimlichen Streifzügen in die Hotelzimmer der Gäste tot. An Geschick fehlt es ihr dabei nicht: mit ihrem unschuldigen Blick und ihrer Größe fällt sie zwischen den Beinen der Gäste nicht auf und kann sich so des Öfteren einen Blick in ihr Gepäck erhaschen. Auch Hanna und ihr Skilehrer Alexander (Jakub Gierszal) aus Deutschland, die im Hotel von Inés Großeltern übernachten, werden Opfer von Inés Besuchen, die interessiert die Skifahrer beobachtet und rasch bemerkt, wie unwohl Hanna sich in der Gruppe eigentlich fühlt. Hanna befreundet sich im Laufe ihres Aufenthalts mit Inés und ihrem Cousin Sebastián (Lautaro Cantillana Teke) und fühlt sich dadurch im Hotel auch immer wohler, bis sie eines Tages wie vom Erdboden verschluckt spurlos verschwindet.

    …und oba mit de Ski

    Der spanische Titel des Krimis, „El Deshielo“ (dt. „die Schneeschmelze“), deutet im Spanischen einerseits auf die Schneeschmelze im Skigebiet hin, die im Film parallel zur Handlung stattfindet, auf Englisch aber auch mit „meltdown“ als Zusammenbruch verstanden werden kann. Thematisch erinnert der an Martellis Drama „Chile ’76“ und knüpft an die Jahre Pinochets in Chile an. Nach 17 Jahren Diktatur stand für das Land das Wiederherstellen seines internationalen Images im Vordergrund. Ein Eisberg aus der Antarktis sollte Chile damals dabei in der Expo 92, der Weltausstellung von Sevilla, helfen, das weltweite Ansehen neu aufzubauen. Die ersten Szenen zeigen dementsprechend einleitend, wie dieser abgebaut wird, und situieren den Film in den chilenischen 90er-Jahre.

    Leise rieselt der Schnee…

    Inés Familie weiß, wie man Geheimnisse hütet. Ihr Cousin Sebastián, der Hanna eigentlich zuletzt gesehen hatte, reist nach ihrem Verschwinden rasch ab, Inés wird von ihrer Großmutter sofort gesagt, nichts zu erzählen und den Ermittler:innen zu sagen, dass sie die ganze Nacht lang friedlich geschlafen hätte. Das stimmt so aber natürlich nicht. Durch die Abwesenheit ihrer Eltern und keinen anderen Gleichaltrigen im Hotel hatte sich Inés im Laufe der Zeit gut mit Hanna angefreundet und ist in der Nacht ihres Verschwindens spätabends, um nicht allein zu schlafen, zu ihr ins Bett gekrochen. Sie ist die Einzige, die weiß, dass sich ihr Cousin mit Hanna in den frühen Morgenstunden den Sonnenaufgang angeschaut und möglicherweise etwas mit ihrem Verschwinden zu tun hat. Was wirklich passiert ist, weiß jedoch niemand. Auch als Publikum tappt während des gesamten Films über die wahren Geschehnisse im Dunklen. Die Ermittlungen rund um den Vorfall decken aber manche Wahrheiten auf und bringen später auch Hannas Mutter Lina (Saskia Rosendahl) nach Chile, die Inés zusätzlich prägt und in ihr den Wunsch aufkommen lässt, mit ihr zurück nach Deutschland zu fliegen, um dem öden Alltag mit ihren Großeltern zu entkommen.

    Auch wenn das Pacing teilweise unausgeglichen wirkt, ist es sehr wohl kurios, die deutsche Skifahrertruppe auf der Leinwand zu sehen und bemerkenswert, wie nonchalant Maya O’Rourke die Rolle von Inés spielt. Sie nimmt die Zuschauer:innen auf ihre Ausflüge auf dem Skiresort mit, wobei es ihr gelingt, uns die Geschehnisse aus der Perspektive eines Kindes zu zeigen und durch ihre Begegnungen im Skiresort in den Bann zu ziehen. Die Inszenierung des chilenischen Gebirges gelingt auf eine unheimliche Art und Weise und fesselt mit einer stillen, bedrohlichen Schönheit, wodurch der Film auf jeden Fall sehenswert ist.
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    (Alfred Koblmüller)
    28.05.2026
    18:45 Uhr