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Wer kennt „Gertie, the Dinosaur“? Der Kurzfilm aus 1914 gilt als historische Wegmarke für das gesamte Zeichentrickgenre in der Prä-Disney-Ära und als eine der ersten Dinosaurierdarstellungen im Kino. Seit den Anfängen des Bewegtbildes spielen sie also eine Rolle in Filmen: Dinosaurier. Kurz vorher, 1902, sorgte Barnum Brown in Wyoming für einen spektakulären Fossilienfund: die ersten Überreste des T-Rex. 1905 als „Herrscher der Tyrannenechsen“ benannt, mit gewaltigen 18 cm langen Zähnen und seinen markanten, zweifingrigen Stummelärmchen. Der wohl am häufigsten auf Zelluloid gebannte Saurier kehrt jetzt auf die Leinwand zurück. „The End of Oak Street“ versucht sich abseits des Jurassic-Franchises, betritt die Fußstapfen großer Vorgänger, kann an der Schnittstelle aus gepflegtem Rasen, Einfamilienhaus und prähistorischer Gefahr aber nicht immer überzeugen.
Im Sommer 1982 herrscht reges Treiben in der amerikanischen Vorstadtstraße Oak Street mit allem, was dazugehört: Streitigkeiten mit den Nachbarn, spielenden Kindern unter dem Wasserschlauch und klingelnden Eiswägen. Wie passen hier die blutrünstigen Saurier hinein? Indem mit dem sonstigen Insel- oder Lost-World-Setting gebrochen wird. Ein kosmisches Ereignis des Raum-Zeit-Kontinuums transportiert das pastellfarbene Vorstadtidyll in eine prähistorische Epoche. Schaut euch zur Veranschaulichung kurz das Bild der brasilianischen Stadt Manaus an. Dort trennt eine geometrische Linie die moderne Urbanität vom Regenwald. So ähnlich wird die Familie, der wir folgen, von tropischer Natur umzingelt. Doch nicht nur das: Zwei intakte (Öko-)Systeme, die sich nicht ergänzen, kippen von nun an in eine naturalistische Räuber-Beute-Beziehung, bei der uns die Erfahrung lehrt, wer Räuber und wer Beute ist.
Spielberg trieft dieser Produktion aus den Ohren. 1980er-Setting, J.J. Abrams als spielbergaffiner Produzent und natürlich das Kinosaurier-Thema. Über weite Teile folgen wir aber einer sehr konventionellen Familienkonstellation. Da wären Greg (Ewan McGregor), daueroptimistischer Pizzalieferant im Ugly Polohemd, Denise (Anne Hathaway im Jahr ihres Lebens in der vierten Großproduktion) und die beiden Kinder Brian (Christian Convery) und Audrey (Maisy Stella). An der Schwelle zur Pubertät ringen die Kids um Aufmerksamkeit, haben Klischeeprobleme bis hin zur Verfolgungsjagd durch befeindete Cliquen auf BMX-Bikes. Greg wiederum nimmt Denise‘ literarisches Talent nicht ernst und steht ihrer Emanzipation im Weg.
Regisseur und Autor David Robert Mitchell („It Follows”, 2014) kokettiert unverhohlen mit seinen Vorbildern. College-Filme der 1980er wie „The Breakfast Club“ oder „Stand by Me“ treffen auf familiäre Fantasyelemente à la „E. T.“ oder „Jurassic Park“. Dafür findet er mit einigen (Dolly-)Zooms und Mise-en-scène-Einstellungen durchaus optische Highlights für seine Suspense, die es auch dank des treibenden Klassikorchesters von Komponist Michael Giacchino manchmal mit Spielberg und Hitchcock aufnehmen kann. In den besten Momenten macht der Film in seinem fehlenden Kunstwollen mit blanker Blockbuster-Action durchaus Spaß. Und es ist ihm hoch anzurechnen, keine unsinnige Erklärungsshow abzuliefern. Zwar interessiert sich Audrey für Carl Sagan, die Mondlandung, Astrophysik und hat sich Kubricks „Space Odyssey“ an die Zimmerwand gehängt, dennoch gibt es zum Glück keine elenden Multiversumstheorien über die Vorgänge in der Oak Street.
Stattdessen gibt es Federn! Der Film hält sich an die Erkenntnisse aus den ersten Funden von Dinosaurierfossilien mit Federstrukturen aus dem Jahr 1996. Gefiederte, an Land lebende Urzeittiere sorgen im Film für Aufruhr und Vitalität in der Kleinstadtödnis. Eine Lebendigkeit, die den gigantischen Wesen vor der „Dinosaurier-Renaissance“ in den 1960er-Jahren noch gar nicht zugesprochen wurde. Früher galten sie noch als passive Reptilienkaltblüter. Erst die Entdeckungen von John Ostrom und Robert Bakker rückten die Ähnlichkeiten zu warmblütigen Säugetieren in den Vordergrund. Die Dinosaurier haben sich im Laufe des 20. Jahrhunderts vom trägen Reptil zum dynamischen, intelligenten Lebewesen gewandelt – und „The End of Oak Street“ profitiert von genau dieser modernen Vorstellung, ohne sie ästhetisch oder dramaturgisch weiterzuentwickeln.
Die Frage, die sich aufdrängt: Macht der Blockbuster genug aus seiner Prämisse? Bis auf den offensichtlichen Bruch, dass Dinosaurier dieses Mal in die städtische Wohlstandswelt eindringen, werden kaum Risse gesprengt oder Zäsuren erzeugt. Und ganz ehrlich: Spannende Überlebenskämpfe gegen Monster sind auf der Kinoleinwand als Alleinstellungsmerkmal auserzählt. Resonanzen evoziert dieses Schauspiel selten. Die Extremsituation zerreißt die Familie, die sich erst einsperren will, sich dann neu justieren muss und angesichts der Konfrontation von Vergangenheit mit Gegenwart kaum reflektiert. Küchenpsychologie. Wenigstens gelingt das Ende in feministischer Lesart, wenn die Männlichkeit in Alt und Jung sich ihrer Engstirnigkeit stellen muss. Hier hätte die Klinge viel schärfer sein müssen, um Klassikerpotential zu erreichen.
Fazit: Definitiv Balsam auf die geschundene Jurassic-Franchise-Seele, insgesamt nur okay und behaglich. Die Weltenkollision zwischen Paläo-Urgewalt und Zivilisation kommt ohne meta- oder astrophysische Ursachenforschung aus, dafür gewinnt sie an Spannung im Mikrokosmos des familiären Überlebenskampfes. Dem Filmschema „Dinomonster“ wird aber wenig Neues hinzugefügt. Hauptsächlich reitet das Abenteuer die Nostalgiewelle mit kitschigem Kernfamilien-Narrativ, aber auch mit sehenswertem 1980er-Design, das die Augen funkeln lässt. „Stand by Me“ trifft „Jurassic Park“. Und genau so fühlt sich “The End of Oak Street“ an: ein überaus netter Sommer-Blockbuster, den wir in Einzelteilen schon gesehen haben und der deshalb schnell vergessen sein wird. Schade.