Exklusiv für Uncut aus Cannes 2026
Viele Filme am heurigen Cannes Filmfestival drehten sich um schlechte Vater-Kind-Beziehungen: Da ist Javier Bardem als nachlässiger Vater in „The Beloved“, der nicht präsente Elternteil in „Words of Love“, Sebastian Stan als gewalttätiger Papa in „Fjord“ oder Hanns Zischler als distanzierter Thomas Mann in „Vaterland“. Umso schöner ist es, einen Jordan Firstman in seinem Regiedebüt als Daddy zu erleben, der alles für seinen Sohn tun würde.
Plötzlich ist da ein Kind
Eigentlich ist Peter (Jordan Firstman) ja homosexuell. „Ich habe noch nie in meinem Leben eine Vagina berührt“, behauptet er. Naja, zumindest eine Ausnahme muss es gegeben haben – denn zehn Jahre nach einer Begegnung mit einer britischen Frau in einem Club taucht vor der Tür des ausgewaschenen Partyorganisators eine ihrer Freundinnen mit Arlo (Reggie Absolom) auf. Arlos Mutter habe Suizid begangen, sein Stiefvater sei gewalttätig und Peter der biologische Vater. Das ist zunächst viel zu verarbeiten, doch Gelegenheit dazu hat Peter nicht – Arlo wird nämlich einfach bei ihm abgeliefert. Für Peter kommt das erstmal gar nicht infrage. Das Leben des New Yorkers ist auch nicht unbedingt kindertauglich: Als Organisator in der LGBTQ+ Underground-Partyszene schlägt er sich die Nächte um die Ohren und hat den einen oder anderen Rausch. Sein Drogenproblem nimmt solche Ausmaße an, dass seine Geschäftspartnerin Sophie (zurück mit eiskaltem Blick: Cara Delevingne) die Reißleine zieht und das Partybusiness allein professionell weiterführen möchte. Für Peter beginnt eine Identitätskrise und er muss sich damit auseinandersetzen, dass er durch seinen selbstzerstörerischen Lebensstil die letzten zehn Jahre de facto verloren hat.
Arlo redet nicht viel, aber immer wieder sticht seine Klugheit hervor. Es braucht nicht lange, bis Peter und er sich verstehen, besonders Arlos kuratierter Musikgeschmack bringt sie auf eine gemeinsame Ebene. Doch bei plötzlichen Wutausbrüchen merkt Peter, dass die Vergangenheit des Zehnjährigen Narben hinterlassen hat und er Verantwortung übernehmen muss. Diese neue Rolle sorgt dafür, dass auch er erwachsener wird und es tut ihm gut. Er kümmert sich um Schule, Versicherung und psychische Betreuung. Peter geht als neuer Vater komplett auf und auch seine Partyfreunde nehmen Arlo liebevoll in ihre Runde auf – der Junge lernt von ihnen, das Mischpult zu bedienen und tritt später auf den Partys sogar als DJ auf.
Feelgood? Nicht ganz
Wer hier einen reinen Feelgood-Film à la „Big Daddy“ erwartet, liegt falsch. „Club Kid“ punktet durchaus auf einer tiefgründigeren Ebene, setzt sich mit der Drogenkultur auseinander und belohnt seinen Hauptcharakter nicht leichtfertig. Die Ausgangssituation und viele Momente des Films sind zwar absurd, der Rahmen, in dem sich die Geschichte abspielt, ist allerdings sehr realistisch, denn die Situation ist zu einem bestimmten Punkt tatsächlich zu gut, um wahr zu sein – kann Arlo wirklich so einfach ohne Probleme bei Peter bleiben oder könnte das rechtliche Probleme nach sich ziehen?
Zum Lachen bringt der Film einen natürlich trotzdem. Bis in die kleinste Nebenrolle ist die Besetzung mit einem makellosen Comedy-Timing gesegnet und auch banale Hintergrundgespräche sorgen für zahlreiche Schmunzler. Der Renaissance-Man Jordan Firstman, der hier als Autor, Regisseur und Hauptdarsteller agierte, bewies bereits in der chilenischen Komödie „Rotting in the Sun“ seine Fähigkeit, das Publikum zum Lachen zu bringen – in „Club Kid“ kanalisiert er diese Fähigkeit in eine pointierte, oft exzentrische Komik, in der auch die kleinsten Momente für Lacher sorgen.
Die Komödie wurde auf 35mm gedreht und was soll man sagen – das Filmmaterial wurde nicht verschwendet. Bereits in den ersten Partyszenen, wenn wir durch klaustrophobische Menschenmengen mitgezogen werden und Stroboskoplicht uns blendet, merkt man, dass der Film auch optisch etwas Besonderes ist. Adam Newport-Berra führte die Kamera, derselbe Kameramann, der Zoë Kravitz‘ „Blink Twice“ und Joe Talbots (leider sehr unbekannten) „The Last Black Man in San Francisco“ so gut aussehen ließ.
Der wird mal ganz groß
„Club Kid“ war der 16. Film in fünf Tagen, den ich beim heurigen Festival de Cannes ansah. Man könnte meinen, dass man nach so vielen Filmen am Festival vielleicht emotional abstumpft, doch Firstmans Erstlingswerk schaffte es tatsächlich, mich zu Tränen zu rühren. Es ist für mich also keine Überraschung, dass nach seiner Premiere ein regelrechtes Bietergefecht zwischen namhaften Verleihen um die Rechte der Indie-Produktion ausgebrochen ist. Am Vormittag des 18. Mai 2026 wurde bekanntgegeben, dass A24 sich die Rechte für 17 Millionen Dollar sichern konnte. Man muss jetzt hoffen, dass „Club Kid“ den großen weltweiten Start bekommt, den der Film verdient – nach seinem Erfolg unter Publikum und Kritik, ist das allerdings zu erwarten. Jordan Firstman kann sich für sein Regiedebüt auf jeden Fall auf die Schulter klopfen, auf seine nächsten Projekte bin ich jetzt schon gespannt.