Exklusiv für Uncut aus Cannes 2026
Es gleicht fast schon einem Déjà-vu: 2016 lieferte der südkoreanische Regisseur Yeon Sang-ho auf den damaligen Filmfestspielen von Cannes mit „Train to Busan“ einen Zombiethriller ab. Nun, fast auf den Tag genau zehn Jahre später, präsentiert er mit „Colony“ erneut einen Zombiethriller auf dem prestigeträchtigen Festival. Mit ähnlicher Formel will er sein Zombiekino weiterdenken, doch das gelingt nur bedingt: „Colony“ wirkt atmosphärisch aufgeladen und hat in Sachen Spannung gegenüber seinem Vorgänger nichts eingebüßt. Trotzdem wurde insgesamt ein Gang zurückgeschaltet – dabei hätte man sich eigentlich genau das Gegenteil erhofft.
Während einer internationalen Biotechnologie-Tagung gerät Professor Han Gyu-seong (Go Soo) mitten in eine Katastrophe: Ein unbekannter Virus breitet sich explosionsartig aus und lässt alle Infizierten stark mutieren. Die Behörden reagieren sofort und sperren das gesamte Gelände ab – doch dies war erst der Anfang des Plans eines Initiators, der eine neue Menschheit erschaffen will.
Eigentlich ist es schon beachtlich, wie Zombies auch heutzutage noch eine feste Größe in Filmen und Serien darstellen: „Resident Evil“, „The Last of Us“, eine Neubelebung der 28-Filme – you name it. Interessant zu beobachten sind dabei die neuen Motive, die über offensichtlichen Spannungskitzel und actionreiche Unterhaltung hinaus eingebracht werden. In der neuen südkoreanischen Produktion ist beispielsweise von Schwarmbewusstsein, organischen Halbleitern und einer neuen Spezies Mensch mit perfekter Kommunikation die Rede. Recht gut passt der Film damit in die aktuelle Zeit und greift das Hive-Mind-Konzept, das zuletzt durch Apples Serie „Pluribus“ neuen Aufwind erhielt, erneut auf.
Sicherlich mag die Idee nicht neu sein – man denke nur an „Star Trek: The Next Generation“, das bereits 1987 jenes naturalistische Konzept in Science-Fiction-Kontexte einbettete. Spannend ist jedoch, wie heute an das Thema herangetreten wird: Da, wo diverse Werke, sowohl im Bewegtbildmedium als auch in der Literatur, den Gedanken einer mental zu einem großen Kollektiv zusammenwachsenden Menschheit als Schauergeschichte inszenieren, scheint in den aktuellen Produktionen mehr Ambivalenz durch.
Auffällig ist zudem, dass es auf den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes gleich zwei Produktionen gibt, die den nächsten Schritt der menschlichen Evolution in Bilder fassen: Neben „Colony“ gibt es da auch noch den empfehlenswerten Body-Horror „Sanguine“ (Species). Doch wen verwundert das, wenn auch in der realen Welt immer häufiger von neuronalen Schnittstellen (Neuralink) oder anderer neuer Technologie die Rede ist. Das ist zwar nur eine Vermutung, doch man wird das Gefühl nicht los, dass Sang-ho sich von genau diesen Entwicklungen inspirieren ließ. Naturwissenschaft, Technologie und die Idee des Hive-Minds vereint er in seinem neuesten Werk – „Colony“ ist damit mehr als bloß stumpfe Zombie-Action.
Denn dort, wo viele Zombiewerke ihre blutgierigen Kreaturen ausschließlich als gefühllose Monster zeichnen, geht „Colony“ einen etwas anderen Weg. „Fühlen, was alle fühlen“, heißt es an einer Stelle, es sei der einzige Weg, die Menschheit in die Zukunft zu führen. Gerade dieser Gedanke lädt zum Nachdenken ein, findet er sich doch bereits 1930 in der Science-Fiction-Literatur bei Olaf Stapledon in seinem Klassiker „Last and First Men“: Dort erleben die Menschen mit eben jener Prämisse eine glückselige Zukunft – also das völlige Gegenteil vieler anderer Darstellungen in Kunst und Popkultur. Auch in „Colony“ schlummert dieser utopische Gedanke, wird jedoch nie vollständig ausgearbeitet. Viel zu sehr bleibt es ein Motiv als Randerscheinung, um mehr Platz für Spannung und intensive Atmosphäre zu schaffen.
Grundsolide fällt „Colony“ insgesamt dennoch aus: Genug Blut und andere Körperflüssigkeiten zieren die Bilder, ausreichend Chaos ist ebenfalls vorprogrammiert. Einige Abstriche muss man jedoch machen, inklusive dem einen epischen Moment, wie man ihn einst in „Train to Busan“ zu sehen bekam.