Exklusiv für Uncut aus Cannes 2026
Wenn ein Film der diesjährigen Filmfestspiele in Cannes einen Text verdient hat, dann ist es „Words of Love“ – ein französisches Drama über die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter und ihrer Tochter auf der Suche nach dem Vater, das einen so fühlen lässt, als wäre man selbst Teil ihrer Familie. Die direkten Einblicke in ihren Alltag verleihen dem Film einen ganz besonderen humorvollen Touch, schaffen es aber auch, den einen oder die andere zu Tränen zu rühren.
Alltag zu dritt plus Hund
Erika lebt gemeinsam mit ihren Kindern Abigaëlle und Yoni und ihrem Hund in einer kleinen Wohnung und kämpft sich tagtäglich durch den Alltag. Als ob im Leben einer alleinerziehenden Mutter nicht schon genug Herausforderungen stecken würden, steht sie zusätzlich einer 7-jährigen Abigaëlle gegenüber, die vergeblich versucht, mit ihrem Vater Kontakt aufzunehmen. Abigaëlle besteht dabei hartnäckig darauf, eine Antwort von ihm zu bekommen und stellt damit die Beziehung zu ihrer Mutter auf die Probe. Auch in ihrer Jugend lässt sie das Thema nicht los. Der Gedanke, dass ihr ohne ihren Vater etwas fehlt, bleibt ihr ständiger Begleiter. Rudi Rosenberg hat mit „Words of Love“ als Regisseur sein Ziel erreicht: einen Film darüber zu machen, wie es sich anfühlt, eine Familie zu haben und mit ihr durch Dick und Dünn zu gehen. Doch woran liegt es genau, dass man nach dem Film beinahe glaubt, die einzelnen Charaktere persönlich zu kennen?
Die Besetzung macht den Unterschied
Besonders gut gelungen ist Casting Director Julie Navarro die Besetzung der Rollen für Abigaëlle und Yoni. Im ersten Drittel spielt Ella Bedoucha die 7-jährige Abigaëlle, Aïdan Djouadi den 5-jährigen Yoni. Den Rest des Films übernehmen Nour Salam als 14-jährige Abigaëlle und Mateo Danila als 12-jährigen Yoni. Die schauspielerische Leistung und Dynamik der Geschwister fesseln durch ihre freche und zugleich herzige Art und Weise miteinander, sodass der Kinosaal bei jedem Gag laut auflachen muss. Die Rollen werden äußerst nuanciert verkörpert, wodurch der Übergang nach dem Zeitsprung kaum auffällt und man von den aufgeladenen Gesprächen in der Familie, die meist von Verwirrung und Anspannung geprägt sind, in den Bann gezogen wird. Auch Hafsia Herzi liefert eine herausragende Darstellung der Erika, die mit allen Mitteln versucht, Abigaëlles oft aufdringliche Annäherungsversuche an ihren Vater und dessen andere Familie in Schach zu halten.
Auf der Suche nach Nähe
Im Fokus der Handlung steht Abigaëlles Beziehung zu ihrem Vater, der nach ihrer Geburt abgetaucht ist und bei einem Besuch von Erika und Abigaëlle nur kurz aus dem Fenster lugte, um danach nie wieder von sich hören zu lassen. Rosenberg taucht mit dem Lebensgefühl der frühen 2000er in die Nostalgie ein und erzählt die Geschichte der Familie und ihrem Umgang mit Abigaëlles Verhalten in den Jugendjahren. Witze über sterbende Pinguine, ein adoptierter Streuner, dessen Lieblingssnack französischer Camembert ist und Erikas ulkiger Psychologe, der ihr seinen alten Anrufbeantworter andrehen möchte, verleihen dem Film eine Wärme, die unweigerlich an diese Zeit erinnert und sich festsetzt. Das Ergebnis ist ein Film, der in der Sektion des Festivals „Un Certain Regard“ definitiv hervorsticht und zu den berührendsten Filmen der diesjährigen Filmfestspiele zählt.