Filmkritik zu Species

Szenenbild aus Species Fotos: WTFilms
  • Bewertung

    Kranke Zustände

    Exklusiv für Uncut aus Cannes 2026
    Stressresistent müsste man sein. Margot (Mara Taquin) arbeitet als Ärztin in Ausbildung in einer Notaufnahme – mit Stress kennt sie sich also einigermaßen aus. Nicht nur die nie enden wollende Flut an Patient:innen ist überfordernd, auch die Stationsleiterin (Karin Viard) setzt Margot und ihre Kolleg:innen täglich unter Druck und lässt sie untereinander in einem fiesen hierarchischen System um ihre Gunst konkurrieren. Eine sich häufende Anzahl an Fällen mit ungewöhnlichen Symptomen macht Margot misstrauisch und als auch an ihrem Körper ungewöhnliche Veränderungen auftauchen, muss sie sich die Frage stellen: Ist sie noch Ärztin oder bereits Patientin?

    Unter die Haut

    Es ist kaum zu glauben, dass „Sanguine“ (internationla „Species“) Marion Le Corrollers erster Spielfilm ist – meisterhaft kombiniert sie rasante Schnitte, eindringliche Musik und ekelerregende Bilder. Letztere gibt es in diesem Film einige zu sehen: Die Regisseurin hält die Kamera auf aufgekratzte Ausschläge, das Wegätzen von toter Haut und auf Gesichter, die zum wiederholten Mal auf eine Theke geschlagen werden.
    Besonderen Einfallsreichtum beweist die Regisseurin mit ihren Einstellungen – wer sich immer schon mal gefragt hat, wie eine Geburt aus der Sicht eines Babys aussehen muss, oder eine Herzoperation von innen, bekommt in „Sanguine“ eine Antwort. Durch brutale Handlungen und schrille Schreie darf das Publikum so richtig leiden.

    Leiden muss in erster Linie Taquins Charakter Margot. Die 28-Jährige überzeugt auf voller Linie bei ihrem langsamen Übergang von der motivierten Medizinerin zur durchgedrehten Furie. Ihre Verzweiflung überträgt sich auf das Publikum und wenig später ist sie als hyperfunktionierende schonungslose Maschine nicht wiederzuerkennen. Ich wünsche der Schauspielerin einen gemütlicheren nächsten Film – nach dieser Leistung sollten einige Angebote eintrudeln.

    Die neue-neue französische Welle?

    Ob der nächste Film vielleicht ein anderes französisches Body-Horror-Projekt ist? Julia Ducourneau („Raw“, „Titane“) und Coralie Fargeat („Revenge“, „The Substance“) haben in der französischen Filmwelt den Weg für neue spannende Projekte geebnet. Wie auch die Filme der beiden etablierten Regisseurinnen enthält Le Corrollers „Sanguine“ eine ordentliche Portion Gesellschaftskritik. Auch wenn diese manchmal etwas zu buchstäblich ausgesprochen wird und keinen Interpretationsspielraum offenlässt, trifft sie durchaus einen realen Nerv: junge Menschen sind zunehmend überlastet und die Ansprüche, die in unserer Leistungsgesellschaft an sie gestellt werden, nehmen besorgniserregende Ausmaße an. Der DAK-Gesundheitsreport 2025 stellte fest, dass 37 % der 18- bis 24-Jährigen in Deutschland zum Zeitpunkt der Befragung mit einer depressiven Symptomatik zu kämpfen hatten und dass Burn-out in dieser Altersgruppe wie eine Pandemie präsent ist.

    Trotz plakativer Message und an manchen Stellen holprigem Storytelling ist „Sanguine“ ein vielversprechendes Regiedebüt. Wem vor zwei Jahren „The Substance“ gefiel, wird auch dieses Horror-Schmankerl zusagen!
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    (Martin Dadak)
    16.05.2026
    13:34 Uhr