Szenenbild aus Teenage Sex and Death at Camp Miasma Fotos: Filmladen, Mubi
  • Bewertung

    VHS Meta-Horror im Sommercamp

    Exklusiv für Uncut aus Cannes 2026
    Verschwitzte Jugendliche machen Party in einem Sommercamp, Synthpop-Tracks auf Vinyl, Alkohol aus roten Plastikbechern und ein maskierter Killer – Little Death. Die fiktive Horrorreihe „Camp Miasma“ soll nach unzähligen Sequels und Neuinterpretierungen ein Reboot bekommen. Damit dieses Mal alles „woke“ genug abläuft, bekommt die junge Regisseurin Kris (Hannah Einbinder) den Auftrag, die 100-mal erzählte Geschichte nochmal neu wiederzugeben. Auf der Suche nach Inspiration für die Origin-Story von Little Death trifft sie die mysteriöse Schauspielerin Billy (Gillian Anderson), welche im originalen Camp Miasma das „final girl“ spielte und schon bald lernen die beiden sich auf unerwarteten Ebenen kennen.

    Selbstfindung im 80er-Horror

    Für Kris geht ein Traum in Erfüllung: Niemand weiß so viel über 80er-Horror wie sie, niemand hat die „Camp Miasma“-Filme so oft gesehen. Ihre Identität ist zweifellos geprägt von den Nächten, die sie im Dunkeln allein vor dem Fernseher verbrachte, um Filme anzuschauen, für die sie wahrscheinlich viel zu jung war. Am meisten identifiziert sie sich mit Billys Charakter, welche im ersten Film der Reihe in einer Sexszene einen Blick in die Kamera wirft, den Kris nicht vergessen kann. Sie wird verrückt danach, sie will ihn reproduzieren, sie will ihn selbst erleben. Bei ihrer Recherche am Originalfilmset kommt sie der Erfüllung dieses Wunsches so nah wie noch nie – Billy hat nämlich die Schauspielerei nach Camp Miasma an den Nagel gehängt und wohnt seit einiger Zeit am verlassenen Sommercampgelände, an dem der erste Film gedreht wurde. Kris wird schnell klar, dass sie Billy unbedingt für ihren neuen Film will. Die ehemalige Schauspielerin strahlt eine unfassbare Anziehungskraft auf sie aus und spätestens nach der ersten Nacht, die die beiden mit Fried Chicken, Marihuana und Süßigkeiten gemeinsam in einem Camp-Bungalow verbringen, wird klar, dass Kris nicht so schnell wieder heimfahren wird.

    2024 beschrieb Jane Schoenbrun den Film als „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ angesiedelt in einem Freitag der 13.-Sequel – treffender hätte Schoenbrun sich nicht ausdrücken können. Genau wie in Porträt einer jungen Frau in Flammen treffen zwei Figuren aufeinander, die sich langsam seelisch und physisch voreinander entkleiden. Eine vertraute Nähe baut sich auf, die die Charaktere in anderen Beziehungen nie gefunden haben. Der Altersunterschied zwischen den beiden sorgt für einen ständigen Wechsel zwischen Lehrerin und Schülerin – so lernt die Gen X Schauspielerin beispielsweise die neuen „Geschmackssorten“ kennen, die es in den gemischten Tüten der sexuellen Orientierungen und Beziehungsformen gibt und die Gen Z Regisseurin wird von der erfahrenen Frau an die Hand genommen, als es darum geht sich selbst kennenzulernen. Freitag der 13. äußert sich vor allem in den Elementen des „Films im Film“. Genau wie beim letzten Film „I Saw the TV Glow“ schafft Schoenbrun es wieder, Nostalgie für etwas zu vermitteln, das eigentlich gar nicht existiert. Ob Filmposter, VHS-Hülle, Schlüsselanhänger oder Zeitungsinserat – überall steckt eine unfassbare Liebe zum Detail drin. Ganz zu schweigen von den Brotkrumen, die Schoenbrun im Verlauf des Films verteilt, welche nach mehrfachem Schauen und Analysieren schreien.

    Zwischen Slasher und Selbstporträt

    Dass Hannah Einbinders Figur Kris ein Self-Insert für Jane Schoenbrun darstellt, ist offensichtlich. Auch in diesem Film verarbeitet die non-binäre Regieperson eigene Erfahrungen allegorisch. Als Vorbildfigur ist Gillian Anderson perfekt gecastet – diese hat ja bereits in der Netflix-Serie „Sex Education“ die verständnisvolle Sexualtherapeutin Jean Milburn gespielt. Nun verkörpert sie in „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ wieder eine wegweisende Mentorenfigur – eine Funktion, die für Jane Schoenbrun in der Jugend offenbar die Filme selbst erfüllt haben.

    Schoenbrun setzt beiden Schauspielerinnen vor wechselnden Hintergründen in Szene und beweist wieder ein Händchen für außergewöhnliche Bilder – Mal befinden wir uns in einem echten Wald, in der nächsten Szene vor einem gemalten Hintergrund. Leuchtende Farben werden uns entgegengeworfen und Blutgeysire tränken den weißen Schnee in ein sinnliches Rot. Ganz in Slasher-Manier wird in den brutalen Szenen des „Films-im-Film“ auf kreative Weise übertrieben und gut gesetzte Needle Drops sorgen für ein stimmiges Kinoerlebnis, der nur so vor „campy“ Humor, Verspieltheit und Verlangen strotzt.

    Wer Schoenbrun bis jetzt noch nicht am Schirm hatte, sollte es auf jeden Fall spätestens nach „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ tun. Denn von einer Person, die es schafft, so viel Originelles in einer Hommage zu verpacken, kommt sicher noch viel Außergewöhnliches.
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    (Martin Dadak)
    15.05.2026
    08:05 Uhr