Exklusiv für Uncut aus Cannes 2026
„Es ist ein Märchen über Maskulinität“ – diese Worte gibt Regisseur Kantemir Balagov dem Publikum in Cannes mit in den Film, bevor die Premierenvorstellung im Zuge der Festival-Nebenschiene „Director’s Fortnight“ beginnt. Die meiste Zeit habe ich mich gefragt, was er wohl damit meint – an der Situation unserer Hauptcharaktere ist wenig märchenhaft: Temir (Talha Akdogan) und sein Vater Azik (Barry Keoghan) leben gemeinsam in New Jersey. Beide arbeiten im Diner mit Aziks Schwester Zalya (Riley Keough), das auf tscherkessische (Anm.: kaukasische Bevölkerungsgruppe) Küche spezialisiert ist. Zwar könnte das Diner besser laufen, dennoch ist die Familie zufrieden. Unter anderem, weil sich für Temir eine sehr erfolgreiche Karriere als Ringer anzubahnen scheint.
Für Großes bestimmt
Temirs sportlicher Erfolg gibt ihm und den Menschen um ihn herum das Gefühl, dass ihm Großes bevorsteht, aber er verändert dadurch seine Sicht auf seinen Vater. Azik ist richtig gut, in dem was er tut. Alle lieben seine Delens (tscherkassische Speise) aus dem Diner und so ist es kein Zufall, dass ein geschäftstüchtiger Restaurantbesitzer ihm anbietet, in einem seiner Restaurants anzufangen. Das würde alles in Aziks und Temirs Leben komplett verändern. Doch als Azik die Stelle ablehnt, entsteht ein Bruch zwischen den beiden.
Es entfaltet sich eine Grundsatzdiskussion: Ist Stärke gleich Macht? Gibt es Erfolg ohne Ehrgeiz? Was tut ein Vater, wenn sein Sohn über ihn denkt, er sei schwach? Wenngleich man sich an den Fakt erstmal gewöhnen muss, dass Barry Keoghan und Talha Akdogan hier Vater und Sohn spielen, liefern sie Starke Szenen, bei denen alle Gefühle einmal hervorgerufen werden – von Fremdscham bis hin zu tiefer Traurigkeit.
Märchenhaft?
Märchenhaft ist an diesem Film meiner Meinung nach die Moral, die am Schluss durchscheint. Zwar nicht so belehrend wie die Brüder Grimm, aber trotzdem erkennbar. Märchenhafter sind die Szenen eines gefiederten Darstellers, der für ein paar der skurrileren Momente im Film sorgt. Am märchenhaftesten ist ein Gastauftritt einer gewissen Monica Bellucci, den ich aber nicht vorwegnehmen will.
Regisseur und Co-Autor Balagov bringen mit einem talentierten Cast (noch gar nicht erwähnt: Harry Melling!) eine zerreißende Geschichte über die Erwartungshaltungen von Männern an Männer in einer patriarchalen Welt auf die Leinwand. Eine Erzählung über Familie, Außenseiter und Gewalt – ein Märchen ohne Zauber, aber voller Wunden.