Exklusiv für Uncut aus Cannes 2026
Aufwühlend. Erregend. Elektrisierend. Liebe. Mit diesen Versprechen werden Jahrmarktsbesucher im Paris von 1928 angelockt, um sich einen Kuss bei der „Venus Electrificata“ abzuholen. Schüchtern und unbeholfen treten sie die Stiegen zu ihr hinauf – bis sie dann mit einem Kuss vermeintlich ihr Leben verändert: Bei der ersten Berührung fangen die Männer am ganzen Körper zu zittern an, Haare erheben sich statisch in die Luft und aus den Händen der „Venus“ entspringen Blitze.
Was zwar wie Magie aussieht und sich auch so anfühlt, ist in Wahrheit ein Trick von Suzanne (Anaïs Demoustier) und ihrem Chef Titus. Mit ein bisschen Show und einer (besorgniserregend hohen) Ladung Strom werden leichtgläubige Besucher hinters Licht geführt. Suzanne wird von Titus ausgenutzt, sie ist hoch verschuldet und etwas unglücklich. Noch unglücklicher ist allerdings Antoine (Pio Marmaï), ein Maler, der seine Frau verloren hat und mit ihr seine Inspiration. Als er eines Abends am Gelände des Jahrmarkts nach einem Medium sucht, um mit seiner verstorbenen Ehefrau Kontakt aufzunehmen, ist zufällig Suzanne dort. So beginnt die perfekte Täuschung und Suzanne spielt Antoine regelmäßig vor, seine Frau würde durch sie zu ihm sprechen. Doch je tiefer sie in das Leben des Künstlers eintaucht, desto verzwickter wird ihre Situation und auch die Gefühle der beiden füreinander verändern sich…
Harmlos, aber charmant
Der Eröffnungsfilm des heurigen Festivals de Cannes ist kein Werk, das groß zum Nachdenken anregt. Zwar spricht der Film ernsthafte Themen wie Trauer, Suizidgedanken oder Manipulation an, so richtig ernst will er sie aber nicht nehmen. Regisseur und Co-Autor Pierre Salvadori setzt stattdessen viel auf Humor, der durchaus funktioniert (und im vollen Saal in Cannes erstaunlich gut ankam). Auch die Romantik zwischen den beiden Hauptfiguren kommt gut rüber, der bittere Beigeschmack der eigentlichen Manipulation versauert allerdings die Glücksgefühle etwas.
Schade ist auch, dass sich das Paris der 1920er-Jahre komplett leer anfühlt, Kostüme sehen wirklich nach Kostümen aus und es gibt keine Versuche, das vielversprechende Setting ästhetisch in Szene zu setzen. So wirkt der Film eher wie eine Fernsehkomödie in einem schicken Gewand als ein Kinofilm.
Dennoch ist es schwer, „La Vénus Électrique“ unsympathisch zu finden. Trotz seiner erzählerischen Schwächen und der etwas oberflächlichen Auseinandersetzung mit seinen Themen besitzt der Film einen charmanten, verspielten Kern. Vor allem das Zusammenspiel von Anaïs Demoustier und Pio Marmaï verleiht der Geschichte Wärme und Leichtigkeit, die über manche Ungereimtheit hinwegtragen. Pierre Salvadori gelingt zwar kein großer Wurf, aber eine süße, stellenweise wirklich witzige Romanze, die ihr Publikum mit einem angenehmen Gefühl aus dem Kino entlässt.