Exklusiv für Uncut aus Cannes 2026
Nicolas Winding Refn zählt wohl zu den modernen Gegenwarts-Regisseuren von denen sich noch am ehesten sagen lässt, dass seine Filme auch noch in vielen Jahrzehnten rezipiert und analysiert werden. Diverse Videos gibt es schließlich schon jetzt etwa über seine durchdachten visuelle Konzeptionen (siehe
Youtube, ebenso ganze Bücher wie beispielsweise „Nicolas Winding Refn and the Violence of Art: A Critical Study of the Films“. Es mag auch daran liegen, dass die Wirkung seiner Filme über die Leinwand hinausgeht. Dass aus Ryan Goslings Figuren in „Drive“ und „Only God Forgives“, folglich auch anderen Werken abseits von Refn, das bekannte „Literally Me“-Meme entstand, ist eine Möglichkeit, um dies zu untermauern. Nach seinem letzten großangelegten Film „The Neon Demon“ vor zehn Jahren kehrt der dänische Regisseur nun mit seiner neuen Filmproduktion „Her Private Hell“ zurück. Sein Werk verwundert: Da, wo er für seine Motive, die sowohl Machtgefälle, Destruktion oder emotionale Leere umfassten, stets eine klare Bildsprache fand, ist sein neues Werk surreal und voller Chiffre.
Den Film narrativ wiederzugeben, gleicht dabei einer Herausforderung. Zwar stehen dem Verfasser dieses Textes mehr als 60 notierte Eindrücke zur Verfügung, eine Synopsis kann daraus jedoch kaum destilliert werden. Doch zumindest etwas, womit der Leser etwas anfangen kann. Elle (Sophie Thatcher) kommt in einer futuristischen Stadt an, in der gigantische Architektur die düstere Szenerie zeichnet. Ihre Mission ist gleichermaßen undurchsichtig wie lakonischer Natur: Den sogenannten Leatherman finden und ihm seine Macht nehmen. Auf ihrer Reise passiert sie in Neonfarben getränkte Kristallwelten, tiefenschwarze Schattenwelten, schließlich Raum und Zeit.
Das alles findet in typischer Refn-Manier statt, womit er zumindest stilistisch an seine vorherigen Filme anknüpft. Intensive Farben, Bildsymmetrien und minutiös durchkonzipierte Settings sind für ihn genauso typisch wie auch abstrakte Formen. Funkelnde Kristalle erinnern dabei an „The Neon Demon“, goldene Waffen könnte man „Only God Forgives“ zuschreiben. Gleichsam gibt es Neues zu entdecken: Science-Fiction-Elemente, die beispielsweise an „Star Trek“ erinnern als auch eine futuristisch stilisierte Stadt à la „Blade Runner“ sind nur zwei Beispiele.
Narrativ findet man sicherlich auch gewohnte Refn-Motive, doch hier muss man stärker suchen, klammert man die offensichtliche Gewalt und die damit verbundene Erbarmungslosigkeit aus, die in all seinen Werken schlummert. Wie könnte es auch anders sein, findet man diese zwei Themen hier auch in den unterschiedlichsten Formen und Ausführungen wieder, die auf den ersten Blick jedoch scheinbar losgelöst voneinander existieren. Es gibt da beispielsweise eine goldene Axt, in der eine gewisse Bedeutung schlummert, und doch hat sie nicht wirklich etwas mit den Gewaltentladungen an anderer Stelle zu tun.
Genau dies lässt sich eigentlich von allen Motiven im Film sagen: Es gibt da Formen des Gigantismus in dieser seltsamen Abstraktwelt, Symbole von Weiblichkeit und Männlichkeit, die Rede ist unter anderem von der Macht der Liebe, holy consciousness (heiliges Bewusstsein), stardust (Sternenstaub) und einem seltsamen Nebel. Doch scheinen all diese Elemente unabhängig voneinander zu existieren – eine Logik, wie alles miteinander zusammenhängt, ist kryptischer als so mancher Film von David Lynch.
Wo fangen Szenen an, wo hören sie auf? Wie stehen die unterschiedlichen Figuren in Relation zueinander? Warum entziehen sich alle Bilder jeglicher Analyse? Dies sind nur drei Fragen unter sehr vielen, mit denen „Her Private Hell“ konfrontiert. Ganz anders angelegt als seine vorherigen Filme, scheint nun ein anderer Zugang in seinem Film zu liegen. Gemeinsamkeiten zwischen „The Neon Demon“ und „Drive“ finden sich immerhin schon in den ersten Minuten: ästhetische Bilder, einnehmende Soundtracks, schlichtweg fulminante Intros, die mit der Einblendung des Filmtitels enden. Für gewöhnlich ein Zeitpunkt, der klar macht, dass sich fortan die Narrative zur ganzen Größe entfalten kann. „Her Private Hell“ hat nichts davon, doch eigentlich erwartet man eben jene ikonische Kombination aus transzendenten Bildern und Klängen, die Refn berühmt gemacht haben. Nicht einmal der Titel erscheint – was dazu führt, dass man sich nach 5, 10 – selbst 15 Minuten noch fragt, ob man sich noch immer im Auftakt des gesamten Films befindet. Irgendwann findet man sich damit ab, dass hier nichts so ist, wie man es von Refn gewöhnt ist.
Die Frage, ob man sich in der Welt von „The Neon Demon“, „Only God Forgives“ oder „Drive“ befindet (schließlich gibt es da diverse Schnittmengen), sollte man daher so schnell wie möglich verdrängen. Doch auch wenn hier scheinbar alles auf dem Kopf steht, heißt das nicht zwangsläufig, dass dies alles schlecht ist. Refn schlägt scheinbar einfach ein neues Kapitel in seinem Schaffen auf, welches erst noch analysiert werden will. Ein Werk, welches Stofflichkeiten viel mehr betont: Menschen, hier und da scheinbar bestehend aus Kristallen, denen man nur mit einem Hammer symbolisch näher kommen kann, ist nur ein Beispiel dafür. Eben jene Einladung, sich mit „Her Private Hell“ näher zu beschäftigen, hält dennoch nicht davon ab, dass die Erstsichtung von „Her Private Hell“ merkwürdig ausfällt – um es gelinde auszudrücken. Immerhin gibt es einen Tag später in der Pressekonferenz zum Film eine Erklärung für all das: Refn selbst war vor gewisser Zeit ganze 25 Minuten tot – sein Film ist wohl so etwas wie seine Nahtoderfahrung in audiovisueller Form. Mit dem Wissen möchte man sein Werk direkt noch einmal schauen – dies wird wohl viel erklären.