Exklusiv für Uncut aus Cannes 2026
Das „Old-Men-Genre“ hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Programmatisch geht es dabei meist um die Werke männlicher Hollywood-Ikonen, die in ihren späten Karrierejahren noch einmal ein Wunschprojekt umsetzen wollen. In vielen Fällen übernehmen sie dabei gleich mehrere Rollen – als Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur – und vereinen so das Talent, das sie über Jahrzehnte hinweg gesammelt haben: Francis Ford Coppola mit „Megalopolis“, Kevin Costner mit „Horizon“, George Clooney mit „Jay Kelly“. Auch in diesem Jahr wird diese Entwicklung mit John Travoltas „Propeller One-Way Night Coach“ und Andy Garcias „Diamond“ fortgeführt – zwei Filme, die auf den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes ihre Premiere feierten. Angelehnt an den Film Noir präsentiert Garcia einen durchaus interessanten Film, allerdings mit einigen Schwächen.
Joe Diamond (Andy Garcia) macht sich bereit für den Tag: Sein phänotypisches Erscheinungsbild – klassischer Anzug, Zigarre, Fedora, stoische Mine – erinnert direkt an einen Detektiv der alten Schule, und genau das ist er auch. Nach seinem letzten großen Fall wurde er zu einer lokalen Berühmtheit – allerdings nicht im alten Hollywood, sondern im modernen Los Angeles, im Hier und Jetzt. Nachdem er auf dem Weg zu seinem nächsten Auftrag beinahe von einem autonom fahrenden Auto überfahren wird und ein Selfie mit einem Fan machen muss, trifft er auf die stinkreiche Witwe Sharon Cobbs (Vicky Krieps), die vor Kurzem ihren Mann verloren hat. Alles deutet darauf hin, dass sie in den Fall verwickelt ist – da ist sich der Polizist Danny McVicer (Brendan Fraser) ziemlich sicher – doch Diamond ist erst überzeugt, wenn alles überprüft wurde. Der Fall scheint nicht nur ein Geheimnis zu bergen, sondern konfrontiert ihn auch mit seiner Vergangenheit. Zumindest weiß er seine Freunde, den Barmann Jimbo (Bill Murray) und den Gerichtsmediziner Harry Kleiman (Dustin Hoffman), an seiner Seite.
Es ist ziemlich offensichtlich, wie Garcia den Film konzipiert hat: Eine Figur, die in der Zeit stecken geblieben ist, wird mit der modernen Welt konfrontiert. Die Vergangenheit – die Figur des ikonischen Detektivs, den wir aus so vielen Filmen kennen („Chinatown“ ist dabei nur ein Beispiel), alte Phrasendrescherei, ein maximal klassischer Soundtrack und vertraute filmische Motive – kollidiert immer wieder mit der Gegenwart. Diverse mögliche Beispiele gäbe es sicherlich genug: Nicht nur könnten Ubers statt Taxis, moderne Alltagstechnologien oder die fortgeschrittenen Möglichkeiten polizeilicher Ermittlungen präsentiert werden, auch die Globalisierung ließe sich in unterschiedlichen Formen in die Narrative integrieren. Der von Garcia gewählte Minimalansatz macht dem Ganzen jedoch einen Strich durch die Rechnung – neben dem autonom fahrenden Auto und dem TikTok-süchtigen Fan gibt es kaum weitere Beispiele, die den Rahmen der Handlung erweitern oder ausschmücken. Das kann man durchaus positiv sehen, schließlich bewahrt es den Film vor überfrachtetem Symbolismus. Dennoch hätte man sich in dieser Hinsicht mehr Motive gewünscht – schließlich bietet die Prämisse genug Möglichkeiten, um den Film zusätzlich aufzulockern.
Denn ganz so dramatisch wie klassische Krimithriller ist „Diamond“ beileibe nicht. Statt Motive wie Machtgefälle und bedrohliche Wendungen in den Vordergrund zu rücken, webt Garcia eine gewisse Besonnenheit in den Film ein. Gleichzeitig gibt es Szenen, die sowohl zum Schmunzeln als auch zum Staunen einladen – etwa dann, wenn ästhetische Hintergründe die Szenerie schmücken und Momente der Stille eintreten. Ein gewisser Charme scheint dabei durch, wenn nostalgische Ästhetik im Film Einzug hält – und diese überwiegt letztlich auch deutlich den Gegenwartsbezug. Viel zu sehr verweilt „Diamond“ in der Vergangenheit, besonders wenn die Nacht über Los Angeles hereinbricht: romantische Schauplätze, wenig Autoverkehr, kleine charmante Etablissements und kaum Anzeichen dafür, dass die Handlung tatsächlich in der Gegenwart spielt, verstärken diesen Eindruck zusätzlich. „Diamond“ ist daher kein Film, der ein wirklich cleveres Porträt über den Wandel der Zeit zeichnet, sondern verharrt letztlich stärker in seiner eigenen Nostalgieverliebtheit. Zwar ist „Diamond“ ein solider Beitrag im eingangs erwähnten „Old-Men-Genre“, doch hätte man sich beim Spiel mit seinen Motiven etwas mehr Raffinesse gewünscht.