Exklusiv für Uncut aus Cannes 2026
John Travoltas jahrzehnteumspannendes Werk vereint Kino so reichhaltig, wie man es sich nur vorstellen kann. Eine Werksschau unmittelbar vor seinem Regiedebüt auf den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes macht dies mehr als deutlich. Aus der Kultur nicht mehr wegzudenken („Pulp Fiction“) wie äraprägend („Saturday Night Fever“) sind es Filme, die Generationen mit geformt haben, deren Wirkung deutlich über die Kinoleinwände hinausging. „Propeller One-Way Night Coach“ ist nun sein Versuch, zurückzublicken, gleichsam auf ein Leben voller Schönheit als auch die generelle cineastische Leidenschaft, die das Kino bündelt.
Narrativ versetzt uns Travolta in die Perspektive des Kleinkinds Jeff (Clark Shotwell), dem eine ellenlange Reise von der amerikanischen Ostküste nach Los Angeles bevorsteht – „Hollywood ist calling“ pflegt seine Mutter Helen (Kelly Eviston-Quinnett) zu sagen. Formal springt dies direkt ins Auge: Farbenwahrnehmungen wie auch alle anderen Sinne werden hier, so weit möglich, intensiviert, so wie es sich auch in der Realwelt beobachten lässt. Mit dem Alter schwindet bekanntlich die Reizwahrnehmung, ganz im Sinne der kindlichen Wahrnehmung ist der Film von satten Farben durchzogen. Auf der Reise in mehreren Flugzeugen entdeckt Jeff dann die unterschiedlichsten Kleinigkeiten, wie sie nur ein Kleinkind beobachten könnte. Da, wo die erwachsenen Fluggäste schon längst schlafen, gibt es für seinen wachsamen Blick noch jede Menge zu entdecken. Fortan folgt der Film einer Erkundung der privilegierten Welt, inklusive Travoltas Voice-Over, um der kindlichen Gedankenwelt Form zu geben.
Jeff ist dabei ein Kind, das die Bewunderung noch vollends in sich trägt: Vom Fliegen an sich, über das servierte Bordessen, die Fluggäste, die Sterne über ihm, selbstverständlich das Cockpit und Erzählungen von Stewardessen - nichts ist langweilig, alles ist interessant – ein Motiv, das den gesamten Film durchzieht. Dies nimmt zeitweise Dimensionen an, wie man sie im Werbefilm gewöhnt ist: Warme Farben, perfekte Ausleuchtung, Produkthervorhebungen wie eine Dose Coca-Cola, bis hin zur wiederholten Betonung der Airline. Daran könnte man sich sicherlich stören, muss man aber nicht.
Das Motiv des amerikanischen Traums ist dabei auch ein Bestandteil, denn für Jeff ist noch alles möglich, alles erreichbar: von einer neu geschlossenen Freundschaft für das gesamte Leben bis hin zur Heirat mit der für ihn viel zu alten aber wunderschönen Stewardess Doris (Ella Bleu Travolta). Eben eine durch und durch goldige Zukunft eines Kindes, wie man ihr für gewöhnlich nur im Hollywoodfilm begegnet. Wenig verwunderlich wird hier folglich auch alles etwas dicker aufgetragen: Es bleibt nicht bei der zweiten Klasse im Flieger, nicht bei einer Überraschung, nicht bei einem grandiosen Tag, sondern einem nach dem anderen. Auch das könnte man alles kritisieren und als US- oder Konsumpropaganda betrachten, muss man aber auch nicht.
Viel zu herzlich fällt der kurzweilige Film in der Gesamtheit dafür aus – und dies kann man Travolta auch einfach mal lassen. Die Geschichte brachte er dabei schon 1997 in Buchform heraus, basierend auf seinem eigenen Leben und Erfahrungen seiner engsten Familie. Mit der Verfilmung gibt er seinem Stoff nun die angemessene Bildsprache und findet eine harmonische Verbindung zwischen Filmästhetik, amerikanischen Freiheitstraum und kindlicher Vorstellungskraft.