Filmkritik zu Minotaur

Szenenbild aus Minotaur Fotos: Polyfilm
  • Bewertung

    Meine Frau, das russische System und ich

    Exklusiv für Uncut aus Cannes 2026
    Russland, 2022 – die vermeintliche „Spezialoperation“ in der Ukraine hat begonnen, und die Stimmung im Land schwankt zwischen Zuversicht und Euphorie sowie Besorgnis und Panik. Gleb Alexander (Dmitriy Mazurov) ist als erfolgreicher Geschäftsführer einer Firma indirekt vom Ausbruch des Angriffskriegs betroffen – scharenweise flüchten Arbeiter in Nachbarländer, um einen Einzug in die Armee zu vermeiden. Er gerät unter Druck, als er 14 eigene Arbeiter für den Dienst an der Front nominieren soll und gleichzeitig eine Ehekrise zu Hause ausbricht.

    Im Labyrinth gefangen

    Glebs Leben macht einen beneidenswerten Eindruck. Gemeinsam mit seiner Frau Galina (Iris Lebedeva) und seinem Sohn lebt er in einem edlen Haus nah der Natur. Doch ein Blick hinter die schwarzen Fensterläden und teuren Seidenvorhänge verrät, dass es zwischen Galina und Gleb gar nicht gut läuft. Galina fühlt sich lange nicht mehr geliebt und sucht sich die fehlende Zuneigung anderswo – womit sie es Gleb für dessen frühere Seitensprünge heimzahlt. Anstatt die Ursachen zu identifizieren und an sich zu arbeiten, beschränkt sich der Unternehmer auf Symptombekämpfung und greift dabei zu zunehmend eskalierenden Methoden, die schließlich in Gewalt münden.

    Glebs Position im russischen System ist eine privilegierte – aber ist es beneidenswert, wenn man die Männer aussuchen muss, die für das Land unfreiwillig in den Krieg ziehen? Anhand von Gesprächen in unterschiedlichen Kreisen stellt der Film auf plausiblem Weg Abläufe im russischen Staat dar – versteckte Drohungen, aber auch plötzlich verschwindende Hürden, ungestellte Fragen und implizite Regeln der Gefälligkeit. Ein auswegloses Labyrinth breitet sich vor unseren Augen aus, das stetig Opfer fordert – ob das die Inspiration für den Titel war?

    Das Unausgesprochene

    Es ist ein ruhiger Film, den Andrey Zvyagintsev uns vorlegt. Der russische Regisseur und Autor setzt auf langsame Szenen, in denen die Stille oft mehr ausdrückt als die Dialoge. Das Unausgesprochene diktiert sowohl Glebs Beziehung zu seiner Ehefrau als auch die Gespräche zum Bürgermeister der Provinzstadt. Dabei schafft Zvyagintsev stille Momente, die einen jedoch mit voller Wucht treffen.

    Was Gleb über den Krieg denkt, teilt er nie mit – womöglich aus Angst vor den Konsequenzen, die das mit sich ziehen würde oder hat er doch keine Probleme damit? Seine Motivationen bleiben bewusst undurchsichtig. Es ist jedoch offensichtlich, dass der Krieg schlecht für das Geschäft ist, doch Beschwerden darüber behält man besser für sich.

    Die entsättigten Bilder in „Minotaur“ spiegeln die innere Leere der Charaktere wider, während der nervöse Soundtrack die psychische Anspannung und die latente Bedrohung akustisch verstärkt. Mit 135 Minuten ist „Minotaur“ zwar ein relativ langer Film, bleibt trotz seines langsamen Tempos jedoch durchgehend spannend. Andrey Zvyagintsev ist es gelungen, durch die Verwebung eines Familiendramas mit politischen Tatsachen ein treffendes Bild der aktuellen Geschehnisse und Machtverhältnisse in Russland zu zeichnen – kein Wunder, dass der Film nicht dort gedreht wurde!
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    (Martin Dadak)
    24.05.2026
    16:19 Uhr