Filmkritik zu Nagi Notes

Szenenbild aus Nagi Notes Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Kontemplation oder Leerlauf?

    Exklusiv für Uncut aus Cannes 2026
    Der Film war bei der diesjährigen Ticketjagd unter Besucher:innen der Internationalen Filmfestspiele in Cannes – auch aufgrund des japanischen Regisseurs – einerseits sehr beliebt, andererseits im Nachhinein bei manchen doch sehr umstritten. Tickets dafür zu bekommen, war somit auch für mich nicht ganz so einfach. Doch schafft es der Film des 46-jährigen Japaners Koji Fukada auch, die Erwartungen zu erfüllen, die ihm beim Festival entgegengebracht wurden?

    Ein ruhiger Film

    Was kommt einem in den Sinn, wenn man an Japan denkt? Tokio? Anime? Sushi oder Studio Ghibli? Während viele eher an diese Dinge denken, kommen anderen andererseits vermutlich auch Bilder aus den ländlichen Regionen Japans in den Sinn, die mit Kirschblüten und Wabi-Sabi eine Idylle zeichnen, wie sie nirgendwo anders zu finden ist. „Nagi Notes“ spielt in einem dieser Dörfer und begleitet uns auf einem zurückhaltenden Spaziergang durch die Geschichten der Protagonist:innen in der japanischen Ortschaft Nagi.

    Yoriko Endo (Takako Matsu), leidenschaftliche Skulpturenkünstlerin und in Nagi zuhause, wird von Yuri Sakashita, die Ex-Frau ihres Bruders, besucht. Yuri möchte Yoriko als Modell für ihre Holzskulptur helfen und beginnt während ihres Aufenthalts, die Beziehungen zu ihren Mitmenschen in Nagi langsam zu verändern und somit auch sich selbst besser kennenzulernen. Die Art und Weise, wie der Film sich entwickelt, geschieht leider etwas schleppend, wodurch er nie ganz seinen Rhythmus findet und es schwierig wird, sich mit dem Film zu identifizieren oder die Beziehungen der Charaktere untereinander zu verstehen.

    Eine Liebesgeschichte?

    Fukada lässt das Publikum bewusst warten. Gespräche wirken durchdacht und ruhig inszeniert, oftmals bleibt jedoch unklar, worauf einzelne Dialoge eigentlich hinauswollen. Teilweise entsteht dadurch eine Unsicherheit, die sich durch den gesamten Film zieht. Man weiß nie genau, ob die Figuren gerade in Erinnerungen schwelgen oder eine Szene romantisch gelesen werden soll. Vielleicht ist aber genau das auch der Charme von „Nagi Notes“? Der Film fordert gleichzeitig, ähnlich wie Wim Wenders ’ „Perfect Days“ (2023), dazu auf, sich Zeit zu lassen und die gezeigten Bilder vollständig auf sich wirken zu lassen.

    Parallel zur Handlung rund um Yuri und Yoriko wird auch die Beziehung zwischen den Teenagern Haruki Iguchi (Kawaguchi Waku) und Yorikos Schüler Keita Higashi (Kiyora Fujiwara) nähergebracht. Was von Yuri und Yoriko zunächst eher belächelt wird, dürfte für viele Zuschauer:innen dennoch durchaus nachvollziehbar sein, besonders für jene unter uns, die in der Jugend selbst einmal verliebt waren. Themen wie Homosexualität und Identität rücken dabei deutlich in den Vordergrund – obwohl Fukada bei der Pressekonferenz erwähnt hatte, diese lediglich als Nebenelemente einbauen zu wollen, um den Fokus der eigentlichen Handlung nicht zu verschieben. Doch welche Message möchte uns die Handlung dann wirklich vermitteln? Zu dieser Frage darf man sich dann in den Kinos selbst ein Bild machen. Ob „Nagi Notes“ die Goldene Palme dieses Jahr gewinnt, bleibt vorerst offen und wird sich erst nächste Woche herausstellen. Das japanische Drama ist alles in allem ein sehr kontemplativer Film, der sein Publikum bewusst dazu einlädt, die Ereignisse eigenständig zu interpretieren und selbst zu entscheiden, welche Bedeutung man aus ihnen ziehen möchte.
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    (Alfred Koblmüller)
    17.05.2026
    16:49 Uhr