Exklusiv für Uncut aus Cannes 2026
Treffen sich zwei intelligente Menschen und reden drei Stunden miteinander. So oder so ähnlich könnte man Ryusuke Hamaguchis neuen Film „All of a Sudden“ zusammenfassen. Die Menschen in Frage sind in diesem Fall Marie-Lou (Virginie Efira), Direktorin eines Heims für Menschen mit Demenz, sowie Mari Morisaki (Tao Okamoto), eine japanische Bühnenautorin. Eine zufällige Begegnung, ausgelöst durch den ausgebüxten Enkel eines Darstellers aus Maris Stück, bringt die beiden zusammen und in kürzester Zeit lernen sich die beiden Frauen kennen.
Eine Sterbende lehrt zu leben
Marie-Lou möchte in ihrer Arbeit eine neue, menschenbezogenere Herangehensweise durchsetzen, die „Humanitude“. Der Ansatz beruht auf den Säulen Augenkontakt, Sprache und Berührung. Im Gegensatz zur „Zombiefication“ in der Pflege, wo aufgrund von Zeitdruck und Arbeitskräftemangel die Besserung von Krankheitszuständen aus den Augen verloren wird, wird bei „Humanitude“ auf das eingeschränkte Sichtfeld von Demenzkranken eingegangen, möglichen Verwirrungen und Unsicherheiten vorgebeugt und werden Patient:innen dazu animiert, sich mehr zu bewegen und mit ihrer Umwelt zu interagieren. Eine Methode, die bewiesenermaßen Früchte zeigt, doch nicht alle sind überzeugt: In Marie-Lous Einrichtung gibt es nicht nur Zuspruch, sondern auch Widerstand. Wer ist dafür verantwortlich, wenn Patient:innen beispielsweise stürzen? Können die notwendigen zusätzlich Stunden und das Personal überhaupt bezahlt werden? Die ablehnende Haltung der Mitarbeiter:innen kommt genau zur falschen Zeit, denn auch der Druck von oben wird immer größer.
Mari Morisaki hat ganz andere Probleme. Bei einer Theateraufführung, zu der sie Marie-Lou nach ihrer ersten Begegnung einlädt, offenbart sie, dass sie im finalen Stadium einer Krebserkrankung steht. Für Marie-Lou ist das überraschend, denn Mari strahlt nichts anderes als Zufriedenheit und Zuversicht aus. Die beiden finden sich gegenseitig interessant und verbringen den Abend und kommende Tage miteinander. Ihre Gespräche gleiten von Themen in der Pflege, über philosophische Glaubenssätze, zu den Schwächen des Kapitalismus und das Fehlen von Kommunikation in der Gesellschaft. Beide merken dabei, dass sie viel voneinander lernen können.
Für Marie-Lou kommen diese Gespräche zur richtigen Zeit – hätte sie doch fast die Hoffnung aufgegeben. Mari findet die richtigen Worte und Wege, ihr diese wiederzugeben. Eine Sterbende lehrt Marie-Lou wieder zu leben.
Kapitalismuskritik als Gute-Nacht-Geschichte
„All of a Sudden“ überzeugt mit einem wunderbaren Cast. Virginie Efira, die am Cannes-Filmfestival gleich mit zwei Filmen im Wettbewerb vertreten ist, hat extra für diesen Film Japanisch gelernt – der Wechsel zwischen Japanisch und Französisch in den Szenen mit Tao Okamoto ist nicht nur beeindruckend, sondern hebt die Chemie der beiden auf eine höhere Ebene. Die Kameraarbeit von Alan Guichaoua sorgt für großartige Bilder und in einer Szene im Stil von „Before Sunrise“ im natürlichen Licht eines Sonnenuntergangs der Seine entfaltet der Film, sowohl im Drehbuch als auch in der Inszenierung seine größte Stärke.
Inhaltlich muss man Ryusuke Hamaguchi endlos dankbar sein für diesen Film. Im Zentrum stehen die Irrtümer des Kapitalismus, die Notwendigkeit von neuen Lösungen innerhalb des kaputten Systems und die Unverzichtbarkeit davon, dass wir als Gesellschaft wieder lernen müssen, miteinander zu kommunizieren. Das müsste eigentlich genau mein Ding sein, da ich mich tagtäglich im Studium mit diesen Themen beschäftige – doch vielleicht liegt genau da mein Problem: Große Teile des Films fühlt er sich so an wie eine Vorlesung. Diese Themen sind nicht metaphorisch verpackt oder aus dem Subtext zu lesen, nein, Mari nutzt in einer Szene buchstäblich ein Whiteboard, um Marie-Lou in einem gefühlt 20-minütigen Monolog ihre Sicht der Welt zu präsentieren. An solchen Stellen hätte ich mir mehr Vielfältigkeit von Hamaguchi gewünscht, der eigentlich mit „Drive My Car“ gezeigt hat, dass er auch einen Dreistünder abwechslungsreich inszenieren kann. Ich wünschte, ich könnte behaupten, dass die 196 Minuten seines neuen Films ebenso wie im Flug vergehen würden, doch das Fehlen eines zentralen Konflikts, die geringen Szenenwechsel und die didaktische Art machen „All of a Sudden“ leider zu einer Geduldsprobe.
Hamaguchi beweist mit seinem neuen Werk eine tiefgründige Auseinandersetzung mit unserer Gesellschaft und findet am Beispiel der Pflege einen verständlichen und teilweise berührenden Weg, Probleme sowie Lösungen sichtbar zu machen. Es ist erfreulich, dass einer der spannendsten Regisseure der aktuellen Filmszene einen Fokus auf diese Thematik setzt, leider hat er dieses Mal nicht den richtigen Weg gefunden, um daraus ein Werk zu machen, das den hohen Erwartungen gerecht wird, die man mittlerweile mit seinem Namen verbindet.