Exklusiv für Uncut aus Cannes 2026
Mit „The Five Devils“ präsentierte die französische Filmregisseurin Léa Mysius auf den Filmfestspielen von Cannes 2022 ihr letztes Werk: gleichermaßen ein Porträt über die Familie als Ballungsraum von Gefühlen und Konflikten als auch über das einzelne Individuum, stets strebend nach familiärer Nähe und Ordnung. Nun präsentiert sie auf dem diesjährigen Festival ihr neues Werk: „The Birthday Party“ knüpft an eben jene Motive an, gerahmt im Setting eines kammerspielartigen Home-Invasion-Thrillers.
Nora (Hafsia Herzi) ist von ihrer Arbeit auf dem Heimweg. Jede Menge Geburtstagswünsche hat sie dort schon bekommen, doch eigentlich will sie nur noch nach Hause, um mit ihrer Familie einen ruhigen Abend zu feiern. Als sie ankommt, wird sie aber nicht nur von Ehemann Thomas (Bastien Bouillon) und ihrer verängstigten Tochter Ida (Tawba El Gharchi) empfangen, sondern auch von drei Fremden, die ihr Zuhause in Beschlag genommen haben. Erst nach und nach entpuppt sich, dass Noras Vergangenheit sie eingeholt hat…
An Werke wie „Speak No Evil“ und „Us“ aus den letzten Jahren oder Klassiker wie „Panic Room“ fühlt man sich bei eben jener Genreverortung durchaus erinnert, wenngleich die jeweiligen Filme ganz eigene Wege zwischen Psychohorror und kompromissloser Brutalität einschlagen. Das Element der Ungewissheit ist jedoch in jedem Werk auszumachen, auch im Falle von „The Birthday Party“, der sich auffällig viel Zeit mit seiner sich entwickelnden Narrative lässt: Da, wo andere Werke schnell passende Bilder oder Konzepte für die Bedrohung in den eigenen vier Wänden finden, verweilt der Film noch lange bei der Einführung der Figuren inklusive der Nachbarin Cristina (Monica Bellucci), Schauplätze und der familiären Bande. Die Entwicklungsphasen des Thrillers – (1) Etablierung von Sicherheit, (2) Eindringen der Bedrohung, (3) Kontrollverlust, (4) Eskalation und (5) Abschluss – sind damit alle etwas nach hinten verlagert. Bedeutet: größerer Spannungsbogen und mehr Ungewissheit, welche Richtung der Film einschlagen wird.
Die Intention der Eindringlinge bleibt dabei lange Zeit verworren, was jede Psychologisierung erschwert. Ebenso ihr Auftreten – irgendwo zwischen energischer und ruhiger Präsenz – ist kaum greifbar, was die bedrückende Atmosphäre nur noch verstärkt. Sind es „nur“ Sadisten, die willkürlich jene Familie zur Folter erwählt haben, oder steckt doch mehr dahinter? Die eigentliche Bedrohung liegt damit weniger in der offenen Gewaltbereitschaft als vielmehr in der andauernden Unsicherheit selbst – eine der zentralen Stärken des Films. Ebenso interessant sind die Spiegelungen von Emotionen und Misstrauen, die sich irgendwann auf die gesamte Familie übertragen. Was zunächst nur den Fremden gilt, schlägt zunehmend auf das familiäre Miteinander zurück und lässt auch dort die Verlässlichkeit der Beziehungen bröckeln: zwischen Tochter und Mutter ebenso wie zwischen Mann und Frau, was dazu führt, dass die Grenzen zwischen „Freund und Feind“ immer mehr verschwimmen.
Mit der Offenlegung des Grundes für den fremden Besuch erreicht „The Birthday Party“ schlussendlich einen Punkt, an dem sich die Spannung merklich erschöpft. Vieles scheint an dieser Stelle nun ausgespielt und nur eine radikale Steigerung der Gewalt erscheint als einzige Möglichkeit, die Intensität noch einmal in Bewegung zu bringen. Wie radikal, traumatisierend und blutig sich das Geschehen letztlich zuspitzt, soll an dieser Stelle jedoch bewusst im Dunkeln gelassen werden. Doch so viel sei verraten: Da, wo viele andere Produktionen mit hoffnungsvolleren Gesichtern ihrer Figuren enden und das Geschehene als überwindbar markieren, zeigt sich „The Birthday Party“ deutlich kompromissloser: Ob Vater, Mutter und Tochter diesen Abend jemals wirklich aufarbeiten können, erscheint mehr als fraglich.