Exklusiv für Uncut aus Cannes 2026
„Geh dich bei deinem Vater entschuldigen“, weist Lisbet (Renate Reinsve) ihre Tochter Elia (Vanessa Ceban) in der Eröffnungsszene von Christian Mungius neuem Film „Fjord“ an. Was der Auslöser dieser unüblichen Anweisung, die Elia etwas widerwillig ausführt, war, erfahren wir nicht, doch hier wird bereits klar, dass in der Familie Gheorghiu etwas nicht in Ordnung ist.
Gute alte Werte
Mihai (mit Glatze: Sebastian Stan) und Lisbet sind mit ihren fünf Kindern aus der rumänischen Heimat des Vaters nach dem Tod seiner Eltern zurück zum norwegischen Ursprung der Mutter gezogen. In der kleinen Ortschaft, in der fast alle Nachbarn einander kennen, wohnt auch Lisbets Mutter, die ihnen bei der Betreuung der Kinder unter die Arme greifen kann. Die Erziehung läuft in der Familie Gheorghiu sehr streng und nach „christlichen Werten“ ab. Vater Mihai führt ein Punktesystem – für richtige Antworten im Bibelquiz können die Kinder Punkte sammeln. Treffen sie sich unerlaubt mit Freunden, verlieren sie diese wieder. Doch was passiert, wenn die Punkte auf 0 stehen?
Als in der Schule Blutergüsse am Körper von Elia entdeckt werden, läuten alle Alarmglocken. Sie wird gemeinsam mit ihrem Bruder Emmanuel (Jonathan Ciprian Breazu) zu einem Gespräch geladen, wo ihnen Fragen zu der Erziehung durch ihre Eltern gestellt werden – wenig später wird Mihai in der Arbeit von der Polizei abgeholt und dann taucht eine Vertreterin des Jugendschutzes bei Lisbet zu Hause auf und kündigt an, dass alle fünf Kinder (einschließlich des Babys!) am gleichen Tag noch woanders untergebracht werden?
Lost in Translation
Was Elia und Emmanuel genau in dem Gespräch preisgegeben haben, bleibt bewusst undurchsichtig. Die Kinder sprechen jedoch nur wenig Norwegisch, hauptsächlich Rumänisch und verständigen sich auf Englisch – ob da vielleicht etwas falsch verstanden wurde? Trotz dieser Zweifel wird klar, dass in der Familie Gheorghiu physische Strafen vorkommen, aber ob das wirklich die drastischen Maßnahmen des Jugendschutzes rechtfertigt, ist eine andere Frage.
Mihai sieht das auf jeden Fall ganz und gar nicht so. Als die kooperierenden Versuche über die Anwältin des Elternpaares nicht klappen, mobilisiert er die Religionsgemeinschaft und rumänische Kontakte – im In- und Ausland finden Märsche und Proteste zur Unterstützung statt. Ein Kulturkampf entfacht sich: Wie kann in Norwegen, einem der „tolerantesten Länder der Welt“, eine religiöse Einwandererfamilie so behandelt werden? Plötzlich geht es um religiöse Diskriminierung und das Thema nimmt auf einmal ganz andere Ausmaße an.
Family-Time im Gerichtssaal
Lisbet und Mihai haben unterschiedliche Vorstellungen, wie sie ihre Kinder zurückbekommen und es fällt ihnen schwer, den Zusammenhalt aufrecht zu erhalten. Besonders interessant ist, was der Film mit seinem Publikum macht – einerseits will man das Beste für die Kinder und kann die Aufteilung auf drei Pflegefamilien wirklich die richtige Lösung sein? Auch Lisbet will man unterstützen, sie wirkt wie eine gute Mutter und leidet sichtlich unter der Situation, die komplett aus den Fugen geraten ist. Und dann ist da Mihai – man versteht, woher sein Unmut kommt, aber Sebastian Stan spielt den Familienvater derartig unsympathisch, dass seine aggressive Art einen abstößt und man nicht mehr weiß, auf wessen Seite man stehen will. Welche Seite gewinnt, entscheidet schließlich ein Gericht. In der zweiten Hälfte des Films entfaltet sich ein regelrechtes „Courtroom-Drama“, bei dem man sich immer wieder fragt, ob es tatsächlich noch um das Wohl der Kinder geht.
Christian Mungiu präsentiert in „Fjord“ die Geschehnisse sehr nüchtern und unvoreingenommen und setzt uns in die Stühle der Jury. Eine ganz andere Jury hat diesem Film übrigens verdienterweise am 23. Mai 2026 die „Goldene Palme“, den Hauptpreis der Filmfestspiele von Cannes, verliehen. Mit „Fjord“ ist dem rumänischen Regisseur ein herausragendes Werk gelungen, das für viel Diskussionsstoff sorgen und in seinen Zuseher:innen nachwirken wird. Besonders die starken Schauspielleistungen heben den Film zusätzlich auf eine höhere Ebene.