Filmkritik zu Vaterland

Szenenbild aus Vaterland Fotos: Polyfilm, Mubi
  • Bewertung

    Alternative deutsche Geschichte in Cannes

    Exklusiv für Uncut aus Cannes 2026
    „Fatherland“ läuft als einer der deutschen Beiträge auf den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes und blickt auf grob eine Woche im Leben von Thomas Mann (Hanns Zischler) im Jahr 1949. Deutschland liegt noch immer in Trümmern – architektonisch wie menschlich. Es ist das Jahr von Manns Rückkehr aus Amerika nach Deutschland, damit auch ein möglicher Anfang einer neuen Ära. Mit großen Worten und seiner Tochter Erika (Sandra Hüller) reist er in dieser alternativen Geschichtsschreibung zunächst ins amerikanisch besetzte Frankfurt, daraufhin ins russisch besetzte Weimar, hält seine Reden und erlebt zwei völlig gegensätzliche Seiten seiner Heimat.

    Manns Inszenierung gleicht dabei der eines Universalgelehrten: Nicht nur tritt man mit Fragen über Kunst und Literatur an ihn heran, auch wird seine Einschätzung zu Weltpolitik, Gesellschaftsthemen und der Integrität des Menschen verlangt. Im Rahmen seiner großen Reden lässt sich doch nur schwer bei seinen Mitmenschen das Antlitz erkennen, dass sich mit Mann irgendetwas unter der Herrschaft der zwei großen Weltmächte ändern wird. In „Fatherland“ scheint demnach ein Paradoxon zu liegen. Einerseits gibt es da diesen genialen wie künstlerisch gefeilten Herrn, andererseits scheint in Mann eine gewisse Naivität innezuwohnen. Nach ihm zählt nämlich nur eins: die Macht der schönen Worte – wie er es selbst am Beispiel von Johann Wolfgang von Goethe den Mitmenschen erklärt und ihm zuschreibt, „Liebe“ sei das am häufigsten verwendete Wort des deutschen Literaten. Wir erfahren: Im goetheschen Werk sei auch das Wesen Deutschlands angelegt – kultiviert, humanitär, moralisch. Doch abseits dieser Reden, die sich mitunter mehr um Goethe als um ihn selbst drehen, scheint ein stiller Nihilismus Manns Figur zu durchziehen.

    Verwunderlich ist diese Beobachtung freilich nicht, gab es zu jener Zeit doch wenig, woran man in Deutschland glauben konnte. Doch statt die Frage zu stellen – sei es nun ganz konkret oder mittels Subtext – was Mann mit seiner Rückkehr bezweckt und bezwecken könnte, findet „Fatherland“ nicht wirklich einen Zugang zu dieser Figur. Das mag natürlich zunächst einer gewissen Logik folgen: Wie könnte man seinem nachgesagten großen Geist schon so einfach näherkommen? Mit Dialog sicherlich, doch daran mangelt es dem Film. Mit seiner Tochter gibt es beispielsweise ein einmalig harsches Wortgefecht – doch abseits dessen bleibt Mann eine unentschlüsselte Blackbox.

    Der Film könnte sich somit ausschließlich als Zeitdokument und nicht darüber hinaus verstehen, da er sowohl auf eine Kontextualisierung als auch auf eine Analyse Manns verzichtet. Eben dies verwundert: So, wie Mann hier inszeniert wird – stoisch, große Worte, aber kleine Gesten, Handlungen ohne viel Nachdruck – lässt sich nur schwer von einem Humanisten, schon gleich gar nicht von einem Aktivisten, wenn überhaupt nur von einem abstrakten Denker sprechen. Ob diese Darstellung Folge imperialistischer Systemik ist (dies geht in beide Richtungen, sowohl in die amerikanische als auch russische), lässt sich jedoch ebenfalls nicht aus dem Film herauslesen. Sicherlich wird Mann ein Gespür dafür gehabt haben, dass seine Worte in den Ohren der mächtigen Politiker nur bedingt nachhallen werden – der Film findet für dieses Motiv der Machtlosigkeit jedoch keinerlei Form. „Fatherland“ wird damit zu einem Rätsel in sich selbst: Was soll der Kinogänger aus diesem kurzweiligen Historiendrama mitnehmen?

    Eine Antwort kann dieser Beitrag leider nicht liefern, genauso wenig einen kohärenten Argumentationsfaden darüber, ob es dieses Werk überhaupt gebraucht hätte. Fans von Thomas Mann werden sicherlich mit seiner Rückkehr nach Deutschland vertraut sein; der Rest des Publikums darf sich immerhin an dem überzeugenden filmischen Stil und Schauspiel erfreuen. Diese zwei Komponenten können „Fatherland“ zumindest noch vor der Durchschnittlichkeit retten.
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    (Michael Gasch)
    16.05.2026
    20:53 Uhr

Vaterland

D/I/F/ Pol 2026
Regie: Pawel Pawlikowski
AT-Start: 03.09.2026  (noch 87 Tage)