Filmkritik zu A Second Life

Szenenbild aus A Second Life Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Hassliebe Paris

    Exklusiv für Uncut vom Crossing Europe Film Festival
    Mit den Worten „to be drunk on sunrises, on work and on love with you“ wirft uns der 37-jährige Regisseur Laurent Slama mitten in den Wirbel der Pariser Straßen am Tag der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele 2024. Im Laufe der 77 Minuten erzeugt er mit gelungener Kameraführung, beeindruckenden Farbkompositionen und emotionalem Chaos das Gefühl, selbst ein wenig beschwipst zu sein, und fesselt uns mit der Geschichte von Elisabeth Vogler (Agathe Rousselle), die selbst mit ihrem Gefühlschaos zu kämpfen hat.

    In „A Second Life“ (2025), dem ersten Film von Laurent Slama unter seinem echten Namen, begleiten wir zwei Tage lang Elisabeth Vogler, eine junge Franko-Amerikanerin, die in Paris als Gästebetreuerin für Urlaubswohnungen arbeitet. Zuvor veröffentlichte Slama seine Filme kurioserweise unter dem Pseudonym Elisabeth Vogler, das hier nun als Hauptfigur zum Leben erwacht.

    Von Bettwanzen und Co.

    Elisabeth merkt man sofort an, dass sie eine Kämpfernatur ist. Zeitmanagement ist zwar nicht ganz ihr Ding, doch trotz ihrer Schwerhörigkeit sowie etlicher Beschwerden über Bettwanzen und defekte Aufzüge lässt sie sich nicht unterkriegen und bemüht sich vergeblich um das Wohlbefinden ihrer Gäste. Ihr Boss ermahnt sie mehrmals täglich wegen der schlechten Rezensionen, die Elisabeth bekommt und ihr ihren Arbeitsalltag zusätzlich erschweren. Es ist offensichtlich, dass ihr dabei keine Zeit für Small Talk oder sonstige Floskeln bleibt. Für sie zählt vor allem, so viele Übergaben so gut und zuverlässig wie möglich abzuwickeln und die Kundenzufriedenheit zumindest auf einem stabilen Niveau zu halten. Um ihr Visum zu verlängern, ist sie auf diesen Job angewiesen – Paris ist ja immerhin ihr Zuhause, das sie nicht verlieren möchte.

    An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass das Setting des Films auf den ersten Blick wie eine Komödie wirken kann, tatsächlich jedoch Themen wie Einsamkeit, Kommunikation im Kontext von Schwerhörigkeit sowie Überforderung im Alltag behandelt und konsequent auch weiterverfolgt. Zwar lockern vereinzelt humorvolle Dialoge die Atmosphäre immer wieder auf und sorgen im Kinosaal für kurze Lacher, zugleich tragen sie jedoch auch dazu bei, angespannte Situationen ein Stück weit aufzulösen.

    So American… oder doch nicht?

    Mit pastellrosa gefärbten Haaren, einem T-Shirt mit Blumenmotiv in derselben Farbe und Rucksack wird nach etwa einem Drittel des Films der US-amerikanische Hypnotherapeut Elijah (Alex Lawther) in die Handlung eingeführt. Als Gast einer Unterkunft von Elisabeth tritt er in ihren Alltag und damit auch in den filmischen Kosmos ein. Seine Figur wirkt zunächst wie ein Fremdkörper in der ansonsten hektisch getriebenen Struktur des Arbeitsalltags, entwickelt jedoch schnell eine ambivalente Dynamik zu Elisabeth. Zwischen professioneller Distanz, leiser Irritation und vorsichtiger Annäherung entsteht eine Verbindung, die weniger romantisch als vielmehr emotional instabil und situativ geprägt ist. Gerade in diesen Begegnungen und Spaziergängen durch die Innenstadt von Paris wird sichtbar, was der Film erreichen möchte. Die Kamera bleibt nah an den Figuren, ohne sie zu erklären, und lässt die Zuschauer:innen die Unsicherheit der Kommunikation unmittelbar miterleben: Elijah mit seiner tollpatschigen, stressbefreiten Haltung, Elisabeth mit ihren distanzierten und unzugänglichen Antworten auf seine Fragen. Dadurch verschiebt sich der Fokus zunehmend weg vom reinen Arbeitsstress hin zu Fragen von Wahrnehmung, Kontrolle und emotionaler Orientierung. Wie fühlt sich Elisabeth, nachdem sie eine Freundin Elijahs (Suzy Bemba) küsst und erfährt, dass diese eigentlich in einer offenen Beziehung ist? Was passiert, wenn man kurz vor der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele das eigene Hörgerät verliert? Was bedeutet es, einsam zu sein, und wer ist Elisabeth wirklich?

    „A Second Life“ bleibt dabei schlüssig in seiner Tonalität zwischen Reizüberflutung, Überforderung und Momenten leiser Intimität und zeichnet so ein vielschichtiges Bild eines Lebens im permanenten Ausnahmezustand, der aber auch mit schönen Momenten gefüllt ist. Am Ende bleibt einem als Zuschauer:in weniger eine klassische Geschichte als vielmehr ein Gefühl zurück: ein ständiges Pendeln zwischen Nähe und Distanz, Kontrolle und Kontrollverlust. Und da liegt meiner Meinung nach auch die Stärke des Films. Man verlässt ihn nicht einfach, sondern bleibt auf dem Weg nachhause noch ein Stück darin hängen, irgendwo zwischen Elisabeth, der Stadt und diesem seltsam rauschhaften Zustand.
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    (Alfred Koblmüller)
    02.05.2026
    21:32 Uhr