Exklusiv für Uncut vom Crossing Europe Film Festival
Die 17-jährige Ainara (Blanca Soroa) steht kurz vor ihrem Schulabschluss und weiß nicht, wie es für sie weitergehen soll. Trotz Highschool-Crush Mikel (Guille Zani) und guten Noten fühlt sie sich einem Leben als Klausurnonne im Kloster hingezogen und distanziert sich Tag für Tag von der Idee, nach der Schule an die Universität zu gehen. Was für ihre Mitmenschen undenkbar ist, wird für Ainara immer greifbarer und lässt sie in ein Dilemma zwischen ihrem Glauben und ihrer Familie geraten.
Vom Klassenzimmer ins Kloster?
Mit „Sundays“ lässt uns die 48-jährige Regisseurin Alauda Ruiz de Azúa in die Welt des christlichen Glaubens an katholischen Privatschulen in Spanien eintauchen und veranschaulicht dabei, wie unterschiedlich die Meinungen von Ainaras Familienmitgliedern ausfallen. Weder ihrer Tante Maite (Patricia López Arnaiz), ihrem Vater Iñaki (Miguel Garcés) noch ihrer Großmutter María Dolores (Mabel Rivera) fällt es leicht, Ainaras Entscheidung zu akzeptieren. Vor allem Maite kämpft als Atheistin unterschwellig gegen die Berufung ihrer Nichte und wird stark davon beeinflusst. Laut ihrer Tante suche sie vergeblich ihre verstorbene Mutter in dem Konvent und solle sich nach ihrem Abschluss besser an der Universität ablenken, um ihre Entscheidung zu überdenken. Ihrem Bruder Iñaki wirft sie vor, sich zu wenig um seine Tochter zu kümmern; Ainara nähert sie sich vorsichtig, um sie auf andere Gedanken zu bringen.
Popmusik im Beichtstuhl
Der Film ist sehr spanisch und das merkt man sehr schnell. Er beginnt mit „Quevedo“ von Bizarrap in der Anfangsszene und endet mit „Aitormena“, einem baskischen Chorlied von David Cerrajón. Auch Bad Bunnys „Callaita“ begleitet Ainara im Bus auf dem Weg zur Schule. Alauda Ruiz de Azúa nutzt die Lieder nicht nur als kulturelles Stilmittel, sondern verdeutlicht so auch die innere Zerrissenheit der Protagonistin, was ihr auch gut gelingt. Zwischen modernen Pop-Songs und traditioneller Kirchenmusik entsteht ein Spannungsfeld, das Ainara permanent begleitet und auch ihre Familie spaltet. Es ist sehr bewegend zu sehen, wie die Protagonistin unter dem äußeren Druck ihrer Entscheidung leidet und in ihrem Umfeld immer wieder darüber gestritten wird, ob sie tatsächlich ins Kloster gehen möchte und aus eigenem Glauben handelt oder von dem Lehrpersonal der katholischen Privatschule beeinflusst und dazu gedrängt wird. Patricia López Arnaiz liefert als Tante Maite eine bemerkenswerte Performance und macht die emotionale Spannung im Film besonders greifbar, indem sie zwischen Sorge, innerem Konflikt und Strenge schwankt und so Ainaras Situation noch komplexer und intensiver erscheinen lässt. Obwohl mir das Pacing des Films stellenweise zu langsam war, überzeugt dafür die Kameraführung und Inszenierung von Ainara, die oft sehr distanziert und isoliert, gleichzeitig aber irgendwie auch entschlossen und selbstsicher wirkt. Der Film arbeitet mit zurückhaltender Bildsprache und macht ihren Entscheidungsprozess visuell erfahrbar, wodurch ihr Zwiespalt schnell deutlich wird und man unmittelbar mit ihr mitfühlt.
Insgesamt bleibt „Sundays“ ein feinfühlig inszeniertes Drama, das weniger mit äußeren Ereignissen als mit inneren Konflikten punktet, das Publikum aber trotzdem in Ainaras Krux versetzt. Eindrücklich bleibt danach das Gefühl, wie komplex und belastend Entscheidungen werden können, wenn Glaube, Familie und persönliche Wünsche so stark miteinander in Konflikt stehen, und spannend im Nachhinein auch, dass Themen wie diese eigentlich selten auf der Leinwand verfilmt werden.