Szenenbild aus Peter, das Mädchen von der Tankstelle Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Wer hat denn eigentlich die Hosen an?

    Exklusiv für Uncut von der Diagonale
    Als ich im Rahmen der Diagonale den Kinosaal betrat, stellte sich schnell unausweichlich heraus, dass die einzigartige Präsenz von Franciska Gaál die Menge verzaubern würde. In „Peter, das Mädchen von der Tankstelle“ (1934), einer charmanten Komödie des deutschen Regisseurs Henry Koster, spielt sie die 17-jährige Eva, die aufgrund von Armut und unglücklichen Umständen gezwungen ist, sich als Junge namens Peter auszugeben. Obwohl der Film nun schon fast 95 Jahre alt ist, wird man in manchen Szenen trotzdem so mitgenommen, als wäre der Film eine moderne Produktion.

    Die Möbel fliegen und aus Eva wird Peter

    „Peter, das Mädchen von der Tankstelle“ beginnt mit Eva Wild (Franciska Gaál) und ihrem Großvater Martin Wild (Felix Bressart), die aus ihrer Wohnung geworfen werden und sich überlegen müssen, wo sie von nun an unterkommen. Die Möbel fliegen dabei buchstäblich aus dem Fenster. Sie lassen sich von einer Gruppe Straßenmusikanten inspirieren und versuchen damit ihr Glück, werden aber von einem Dieb (Imre Ráday) überfallen. Eva verliert durch den Überfall ihr Kleid, dass der Dieb anzieht, um der Polizei zu entkommen, und steht mit Hose und Hemd vor ihrem Großvater. So wird aus Eva der Zeitungsverkäufer Peter.

    Mit ihrem schelmischen Lächeln und ihrer bemerkenswerten Wandlungsfähigkeit zwischen ihren Rollen trägt die damals 30-jährige Franciska Gaál den Film nahezu mühelos, was die eine und den anderen sehr wohl mehrmals in den 85 Minuten Laufzeit zum Staunen bringen kann. Erwähnenswert ist dabei einerseits natürlich der Rollenwechsel zwischen Peter und Eva, die sich gegen Ende des Filmes selbst als Peters Schwester ausgibt und sich typisch für Filme aus den 30ern schlussendlich in den Arzt Robert Bandler (Hans Járay) verliebt. Andererseits zeigt Gaál ihr Talent, indem sie mit Witz und ihren Performances des Chansons ‚Komisch ist die Welt‘ und des Tangos ‚So schön wie du…‘ die Zuschauer*innen zum Schmunzeln und Lachen bringt.

    Kino meets Drag

    Inhaltlich wirft der Film eine Reihe von gesellschaftlichen Themen auf, die heute noch äußerst relevant sind und für damals durchaus ihrer Zeit voraus waren. Koster, der ursprünglich selbst als Hermann Kosterlitz in Berlin geboren war und erst später den Namen Henry Koster annahm, greift als Regisseur subtil Fragen von Identität, Geschlechterrollen, soziale Unsicherheit und Armut auf. Die Dialoge stellt er dabei humorvoll in den Vordergrund und lässt Gaál in Gummistiefeln und Lashes die Thematik auflockern. Erinnert werden wir hier an klassische Theater- und Filmtraditionen und teilweise sogar an Elemente aus der Drag-Kultur, sichtbar in Rollenwechseln und dem Makeup. Weitere Momente, wie Gaáls Codeswitching, der genaue Umgang des Großvaters mit Pronomen je nachdem, ob Eva als Peter erscheint, und die Kussszene zwischen dem Arzt Bandler und Eva in Frack, zeigen, wie modern und ungewöhnlich progressiv der Film für die 1930er Jahre ist.

    Im Kontext der Weltwirtschaftskrise in Budapest gedreht, ist „Peter, das Mädchen von der Tankstelle“ nicht nur eine charmante Verwechslungskomödie, sondern stellte für viele jüdische Filmschaffende, die im nationalsozialistischen Deutschland nicht mehr arbeiten konnten, eine wichtige künstlerische Zuflucht dar, was dem Film historische Brisanz verleiht. Eingebettet in diese Zeit sticht er durch die selbstbewusste Darstellung einer Frau in der Hauptrolle hervor und erinnert an andere Werke der 1930er-Jahre wie „Viktor und Viktoria“ (1933) von Reinhold Schünzel, in denen Rollenspiel, Verkleidung und der spielerische Umgang mit Geschlechterrollen ebenso zentrale Elemente sind. So entstanden Klassiker, die auch fast ein Jahrhundert später, im Jahr 2026, auf Filmfestivals wie der Diagonale gezeigt und vom Publikum mit Begeisterung aufgenommen werden.
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    (Alfred Koblmüller)
    24.03.2026
    09:56 Uhr