Exklusiv für Uncut von der Diagonale
Man startet mit einem etwas mulmigen Gefühl in eine Vorstellung, wenn die Regisseure ankündigen, dass den Zuschauer:innen in den ersten paar Reihen vermutlich schlecht werden wird. Was von vielen weggelacht wird, bewahrheitet sich nach einigen Minuten – Zusehende suchen nach Plätzen in den hinteren Reihen, manche verlassen kurz den Saal, andere müssen die Augen vorübergehend schließen.
Der Grund für diese Warnung und starke Reaktionen sind keine grausigen Bilder oder üble Gerüche im Saal – es ist die Machart des Films. Über mehrere Jahre hinweg haben Juri Rechinsky und Mario Hainzl verschiedensten Menschen eine Kamera für ein paar Tage um den Hals gehängt, mit der einfachen Anweisung, sie sollten ihren Alltag mitfilmen. Somit übergeben die beiden Filmschaffenden Regie, Drehbuch und Kamera an ihre ausgewählten Protagonist:innen, deren Perspektive wir für die nächsten 88 Minuten einnehmen. Und da wird es schon ordentlich wackelig.
Mit 13 Menschen um die Welt
13 Menschen geben uns persönliche Einblicke in ihr Leben – eine hochschwangere Mutter in Österreich, ein gutgelaunter Koch in einem Lokal in Osaka, ein junger buddhistischer Mönch im verschneiten Tibet, ein Schulmädchen am Rande der Sahara, ein beinloser obdachloser Mann in Delhi, ein Soldat an der ukrainischen Front (um nur ein paar davon zu nennen). Aufgeteilt in die Struktur von Morgen, Tag und Abend erleben wir Tagesabläufe, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch finden wir immer wieder Ähnlichkeiten und Verbindendes. Mit cleveren Schnitten verflechten Rechinsky und Hainzl die unterschiedlichen Welten der Protagonist:innen und arbeiten die Gemeinsamkeiten und Unterschiede heraus: wird an einem Ort in einem Einkaufszentrum eingekauft, sammelt woanders eine Person ungetragene Kleidung am Straßenrand in der Wüste ein – kommt man an einem Ort vor lauter Menschen und Gesprächen kaum zur Ruhe, genießt jemand die friedliche Gesellschaft von Straßenhunden – ein Leben wird beendet, ein neues Leben anderswo beginnt.
Eine berührende Achterbahnfahrt
Rechinsky und Hainzl geben mit ihrem Film unsichtbaren Menschen Sichtbarkeit und schaffen ein berührendes Werk, welches den Zusehenden ermöglicht, im Ansatz zu fassen, was es wohl bedeutet, in den Schuhen dieser Personen zu stecken. Auch wenn die Hauptcharaktere selbst nur selten in ein paar Spiegelungen zu sehen sind, wachsen sie einem binnen weniger Minuten ans Herz. Jede Perspektive, die wir einnehmen dürfen, trägt eine stille Botschaft in sich – etwa über Mut, Menschlichkeit oder Mitgefühl. „Portrait of Nowness“ beweist, dass kein Alltag banal ist. Eine Achterbahnfahrt, für die es sich definitiv lohnt, sitzen zu bleiben.