Exklusiv für Uncut von der Diagonale
Hat Strafe etwas mit Rache zu tun? In welcher Beziehung stehen ein nüchternes Gutachten und der „Volkszorn“ bei unmoralischen Verbrechen?
Diesen Fragen geht Regisseur und Drehbuchautor Matthias van Baaren bei seinem Spielfilmdebüt nach. Die Hauptfiguren: eine junge Labormitarbeiterin (Naemi Latzer), die kürzlich bei einem aufsehenerregenden Prozess als Geschworene agierte, ihr Ehemann (Lukas Walcher), der aus ihrer Tätigkeit kein Thema machen will, und seine Mutter (Steffi Krautz), die nur mehr das zum Thema macht. Außerdem ein Soziologe (Sebastian Klein) auf der Suche nach Antworten und eine Gutachterin (Birgit Stöger), die mit ihrer Perspektive vielleicht noch weitere Fragen aufwirft.
Zwar sind die Antworten auf die Fragen auf einer sehr philosophischen Ebene, der Film taucht allerdings in den intimen Alltag der Labormitarbeiterin ein. Die immer gleichen Abläufe werden in sterilen Bildern eingefangen. Bedrückende Stille wird von dissonanter Musik oder dem eindringenden Brummen einer Kaffeemaschine durchbrochen. Das herausragende Sounddesign erzeugt Unmut und wird mit Fortschreiten des Films immer intensiver. Der unaufgeregte Humor, der in manchen Dialogen hervorsticht, lockert die Stimmung dankenswerterweise immer wieder auf.
Ähnlich wie in einer Novelle von Ferdinand von Schirach entfaltet sich der Film langsam, gemeinsam mit den Konflikten, die er beleuchtet. Die unterschiedlichen Seiten werden angehört, doch, anders als in einem Gerichtsprozess, trifft hier niemand ein Urteil.
Trotz der starken Kameraarbeit und dem einsaugenden Ton, hält das Werk seine Betrachter:innen auf Distanz und schafft es leider nicht, das Publikum vollständig zu erreichen. Die dargestellte Monotonie überträgt sich doch zu stark auf den Film – vielleicht eine Zahnputzszene zu viel.