Exklusiv für Uncut von der Diagonale
Wie halten wir unsere Erinnerungen fest? Woran können wir uns erinnern? Und woran wollen wir uns erinnern?
In der Hoffnung, ein besseres Leben führen zu können, migrierte die Familie von Jola Wieczorek im Jahr 1989 von Polen nach Österreich. Die Filmemacherin (damals noch im Volksschulalter) arbeitet in „Die noch unbekannten Tage“ die Geschichte ihrer Flucht auf. Ein Anlass für die Entstehung des Films ist die Krankheit ihrer Mutter: Die fortschreitende Demenz nimmt ihr nicht nur die Erinnerungen, sondern nach und nach auch das Augenlicht. Mit dem Ziel, die Familiengeschichte für die kommende Generation – Wieczorek war während der Dreharbeiten schwanger – schafft die Regisseurin einen persönlichen und berührenden Filmessay.
Vater, Mutter, Tochter und Sohn reisen zurück nach Polen, um von dort aus jenen Weg erneut zu gehen, den sie Ende der 80er-Jahre gemeinsam beschritten haben. Archivmaterial, Aufnahmen der Familie aus der damaligen Zeit und Super-8-Aufnahmen des Roadtrips in der Gegenwart fließen ineinander und zeichnen ein umfassendes Bild der Stimmung, die damals geherrscht hat. Unterstützt werden die filmischen Zeitdokumente von Gesprächen mit den Eltern sowie einem unfassbar wertvollen Bestand an persönlichen Briefen, die die Familie damals an Verwandte und enge Freunde gesendet hat.
Nie am Ziel, sondern irgendwo dazwischen
Familie Wieczorek brach damals ins Ungewisse auf. Vater Romuald, ein selbstständiger Tischler, bekam nicht mehr genug Aufträge, um die Familie zu versorgen. Bei einer Reise nach Wien beschloss er kurzerhand, seine Familie nach Österreich zu bringen. Über das Land wurden in Polen utopische Märchen erzählt – das Geld liege auf der Straße und niemand müsse arbeiten. Seine Vorstellungen der Alpennation waren realistischer als das, dennoch war er von den Haltungen der Österreicher:innen überrascht: „Von allen Ländern, die ich besucht habe, wurde ich in Österreich am schlechtesten behandelt“.
Nach einem Aufenthalt im Erstaufnahmezentrum in Traiskirchen, verschlug es die Familie ausgerechnet nach Bad Goisern am Hallstättersee, dem Geburtsort eines gewissen Jörg Haiders. In der kleinen Gemeinde hatten es die Neuankömmlinge schwer, Anschluss zu finden – sei es in der Arbeit oder in der Schule. „Wo ist jetzt eigentlich unser Zuhause?“ fragten die Kinder, denn ganz angekommen fühlte man sich nie – man war immer irgendwo dazwischen.
Eine Tochter fragt nach
Jola Wieczorek stellt ihren Eltern Fragen, die sie ihr noch nie beantwortet hatten. Auch wenn nicht alles spurlos an einem vorbei geht, wird man als Kind meistens vor den schlimmsten Wahrheiten geschützt. So erfährt die Filmemacherin von Ängsten und Sorgen, die ihre Eltern damals vor ihr verheimlichten. Selbst jetzt, 36 Jahre später, gibt es noch Dinge, über die Romuald nicht sprechen will – zu präsent ist der Schmerz noch. Man bekommt den Eindruck, dass Jola Wieczorek ihre Eltern noch einmal besser kennenlernt und ein Verständnis für ihre Handlungen in der Vergangenheit entwickelt. Bei vorgelesenen Briefen und in den wiederbesuchten Räumen kommen zwischendurch Erinnerungen ihrer Mutter wieder zum Vorschein – es sorgt für Gänsehaut, wenn die Frau, die so viel durchlebt und riskiert hat, ihrer Familie manche Details erzählt.
Das Ziel, ein volleres Bild ihrer Familiengeschichte zu erfassen, hat Jola Wieczorek mit Bravour erfüllt. Besonders durch das Verschmelzen des Archivmaterials und der eigenen alten und neuen Aufnahmen gelingt eine authentische Stimmung. Es entsteht ein Werk, das von viel Ehrlichkeit und Intimität geprägt ist. Die Geschichte, die im Kern sehr traurig ist, berührt durch die spürbare Liebe und den Zusammenhalt in der Familie Wieczorek.