Exklusiv für Uncut von der Diagonale
Sebastian Brauneis hat sich auf der Diagonale längst einen Namen gemacht. Mit seinem mittlerweile fünften Spielfilm, „AMS – Arbeit muss sein“, ist er wieder im Programm des Festivals für österreichischen Film in Graz vertreten und scheint auch vorab bereits ein Publikumsliebling zu sein, denn sein Film konnte zwei restlos verkaufte Kinosäle in nur wenigen Minuten verbuchen. Ganz klar stellt dieses Publikum wohl auch Ansprüche an den Regisseur (und Co-Drehbuchautor) und seine Filme, die erfüllt bleiben. Brauneis, der in seinen Filmen immer soziale Hierarchien thematisiert und durch den Kakao zieht, bleibt seinem Schema nicht nur treu, sondern perfektioniert es mit seinem neuen Film sogar.
Das AMS (hier als Arbeitsplatz Matching System) kennt jeder. Und obwohl es eine sinnvolle Institution ist, die Arbeitssuchenden ein gewisses Maß an finanzieller Unterstützung und Aussichten auf eine Zukunft am Arbeitsmarkt bieten soll, ist es für viele eine Erfahrung, die mit Furcht, Frustration und Fruchtlosigkeit verbunden ist. So auch für die Protagonistin des Films, Marie Wotruba (gespielt von Margarethe Tiesel). Die 58-jährige Dame gilt per Definition als schwer vermittelbar, liegt dem AMS daher schwer auf der Tasche – außer natürlich, man findet Vorwände, um ihr die Bezüge zu streichen. So versteht wohl so mancher AMS-Betreuende seine Arbeit – so wie auch die zwei Betreuerinnen im Film. Blöd nur, dass die Frau und Mutter dennoch irgendwie ihren Unterhalt bestreiten muss. Zu einem dieser berüchtigten AMS-Kurse verdonnert, findet sie eine Gruppe an Menschen, die sich gegenseitig inspirieren ihr Schicksal aus den Händen des AMS zu nehmen und obendrauf noch die Beförderung der ambitionierten sowie anstandslosen Betreuerin Kathi Kratochvil zu verhindern.
Inszeniert wird diese Geschichte als aberwitzige Satire, die die Suche nach dem passenden Job gamifiziert – nämlich als eine Partie DKT, bei der die Gewinner- und Verliererrollen bereits vorab klar verteilt sind. Bis sich im AMS-Kurs eine Gruppe findet, die ihre eigenen Spielregeln macht. Diese plant einen „Heist“ auf das AMS – der an dieser Stelle nicht verraten werden soll – aber das Heist-Genre selbst ad absurdum führt. Anstatt sich – wie in diesem Genre üblich – selbst zu bereichern, leiht sich Brauneis dieses Genre, um eine Geschichte über Menschlichkeit und Solidarität zu erzählen. Das bedeutet freilich nicht, dass er dem Genre in gewissen Punkten nicht dennoch treu bleibt: Spannung und unerwartete Wendungen finden sich in diesem Film genauso wie die typische Erzählstruktur vom Zusammenfinden des Teams bis zum spektakulären „Heist“.
Aufgepeppt wird das ganze allerdings durch Offbeat-Musical-Sequenzen, die einerseits satirische Distanz erzeugen, aber auch einfach jede Menge Spaß machen. Handwerklich experminiert Brauneis mit amüsanten Bild-und Tonmontagen und mystifizierenden Effekten, die das sonst sehr starre AMS-Setting optisch auflockern. Der Cast ist durchwegs stark – vor allem Marie-Luise Stockinger macht eine tolle und hassenswerte Antagonistin. Sonst sind mit Margarethe Tiesel, Laura Hermann und Lukas Watzl auch Brauneis‘ üblichen Verdächtigen mit dabei, dürfen in diesem Film aber einmal eine andere Seite von sich zeigen, allen voran Lukas Watzl, der als AMS-Angestellter das System von innen blockiert und damit nicht nur ausnahmsweise einmal auf der Seite der „Guten“ steht, sondern gleich den hellsten Hoffnungsstern am AMS-Horizont verkörpern darf. Auch auf kurze Auftritte von Laurence Rupp und Ursula Strauss darf man sich freuen.
Alles in allem ist Sebastian Brauneis eine wunderbare sozialkritische Komödie gelungen, die in keinster Weise das AMS als Institution antagonisiert, sondern vor allem zu Menschlichkeit und Solidarität aufruft in einer Gesellschaft, in der sich die finanzielle Lage für immer mehr Leute drastisch zuspitzt, während die Regierung AMS-Zuverdienste streicht. Aber zumindest im Kino können wir gemeinsam über diese Absurdität lachen.