Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2026
Der Titel des Dokumentarfilms „Trop c’est trop“ – auf Englisch übersetzt mit „Enough is Enough“ – wird während seiner Laufzeit von 65 Minuten mehr als einmal von Menschen der Demokratischen Republik Kongo in die Kameralinse gesprochen. Er ist sowohl Ausdruck von tiefgreifender Erschöpfung angesichts des instabilen und lebensbedrohlichen Status Quo, als auch ein Kampfschrei für Veränderung um jeden Preis. Regisseur Elisé Sawasawa hält die Gesichter der Zivilist*innen und ihre emotionsgeladenen Reden (sowie wutentbrannten Ansprachen) mit großer Empathie fest. Er bietet ihnen ein Sprachrohr, durch das sie den Kinosaal für wenige Momente mit ihrer Verzweiflung füllen können; teilweise in ergreifenden Close-Ups, in denen sich ihre Mimik über die gesamte Kinoleinwand streckt.
Die Hingabe, mit der Sawasawa die bewegende Mischung aus Überlebenswille, Wut und Zusammenhalt in dem Film einfängt, ist ununterbrochen spürbar. Sawasawa entschied sich 2022, zu beginnen, seinen Alltag und die Geschehnisse in Goma aufzunehmen. Seine Aufzeichnungen – die er sowohl mit Kamera als auch, wenn nötig, mit seinem Handy gemacht hat – reichen von Demonstrationen, Tanzeinlagen und politischen Reden bis hin zu Frauen, die Gleichschritt üben und Männern, die auf Motorrädern und ohne wirkliche Waffen Ruanda angreifen wollen. „Trop c’est trop“ liefert ein Mosaik aus Eindrücken, das zeitweise sehr sprunghaft daherkommt, doch durch die Hoffnung von Menschen auf ein besseres Leben verbunden wird.
Der Film kaut dem Publikum dabei die tödlichen Konflikte, die in und um den Kongo herrschen, nicht vor. Es ist zwar nicht strikt notwendig, Vorwissen in den Kinosaal mitzubringen – die Bilder des Films transportieren die Verzweiflung der Menschen auch losgelöst ihres politischen und geschichtlichen Kontexts. Doch es hilft der Einordnung des Gezeigten, dem Film mit einem Verständnis über die Situation zu begegnen, das über die vermittelten Informationsfetzen und punktuellen Geschichten hinausgeht. Im besten Fall kann der Film aber auch als Startpunkt dienen, um sich weitgreifender über die Taten der M23, die Rolle von Ruanda, den Einsatz der UN und die Lage der Zivilist*innen zu informieren. „Trop c’est trop“ endet nicht nur mit drei erschütternden Zahlen – 30 Jahre Krieg, 10 Millionen tot, 7 Millionen vertrieben – sondern fängt auch Zitate und Bilder ein, die geradezu darum flehen, sich mit ihren Hintergründen zu beschäftigen.
Wie Sawasawa in dem Q&A des Films sagte, das nach dessen Premiere bei der diesjährigen Berlinale stattfand, will er mit „Trop c’est trop“ der Verantwortung gerecht werden, die er gegenüber seiner Community in Goma wahrnimmt. Er schafft das, indem er durch gleichermaßen intime und verstörende Einblicke die Stimmen dieser Community hörbar macht. Der Film lässt seine vielen Protagonist*innen nicht zu bemitleidenswerte Opfer ihrer Umstände verkümmern, die es einem europäischen oder amerikanischen Publikum leichttun, sie in klar definierbare Schubladen zu stecken. Stattdessen porträtiert er sie als widerspenstige Subjekte, die ein Leben führen, das nicht in wenigen kurzen Sätzen zusammenzufassen ist. Besonders sticht dabei die Musik des Films heraus – wie sie vom Editor eingesetzt wird, als auch die Rolle, die Kunst für die Menschen im Film spielt. In teils minutenlangen Sequenzen sehen wir Personen tanzen, singen und musizieren; auch die Darbietung eines Performance-Künstlers wird mit liebevoller Hingabe festgehalten. Kunst ist hier eine Praxis des kommunalen Zusammenhalts und ein Sprachrohr der frustrierten (weil im Stich gelassenen) Jugend zugleich. Gewalt und Kunst gehen Hand in Hand.
Sawasawa sieht jedoch davon ab, die Bilder und Stimmen, die er einfängt, zu bewerten. Nur selten meldet er sich mit Voice-Over zu Wort, und selbst dann geht es ihm primär ums reine Dokumentieren, statt den eingefangenen Perspektiven einer Beurteilung zu unterziehen. Er ist keinesfalls unkritisch – wenn der Kommandant einer zusammengewürfelten Truppe davon redet, dass sie keine Kinder mehr rekrutieren, weil sie dafür in Schwierigkeiten gekommen sind, ist der Akt des Filmens bereits ein Kommentar in sich. Doch der Film überlässt es dem Publikum, das Gefilmte selbst zu reflektieren; den Akt des Zeigens nicht als ausnahmslose Gutheißung dessen misszuverstehen. Solch eine finale moralische Einordnung ist schließlich auch nicht die Aufgabe einer Dokumentation wie „Trop c’est trop“. Sawasawa bildet Realitäten ab, auf eindrucksvolle und einfühlsame Weise, die Bewertung und Einordnung dieser traut er seinem Publikum jedoch selbst zu.