Filmkritik zu Staatsschutz

Szenenbild aus Staatsschutz Fotos: Plaion Pictures
  • Bewertung

    Staatsschutz vor was genau?

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2026
    An einigen Stellen von Faraz Shariats Zweitlingswerk „Staatsschutz“ spürte ich den Wunsch aufkeimen, er und das Team von Drehbuchautorinnen hätten das Projekt als Dokumentarfilm realisiert. Denn der Themenkomplex, den sie mit dem Film ausleuchten, ist so hochbrisant wie brandaktuell. Shariat taucht, an der Seite seiner deutsch-koreanischen Protagonistin, in die systematischen Versäumnisse und das menschliche Versagen im deutschen Rechtssystem ein. Gravierende Schwachstellen, die unaufgeklärte, rassistische Anschläge und freilaufende Täter*innen nach sich ziehen – von den Steinen, die Menschen aus Armut und Minderheitengruppen in den Weg gelegt werden, ganz zu schweigen. Während sich der Apparat selbst wiederholt als „objektivste Behörde der Welt“ bezeichnet, bekommt diese Behauptung mit jedem rassistischen Anschlag, den der Film ans Tageslicht holt, einen weiteren Riss in ihre schwarz-rot-goldene Fassade.

    Der spezifische Fall, der in „Staatsschutz“ behandelt wird, ist dabei fiktional – doch die eklatanten Lücken der Justiz, an denen sich die angehende Staatsanwältin Seyo Kim in „Staatsschutz“ die Zähne ausbeißt, nachdem sie von Neonazis mit Molotow-Cocktails beworfen wurde, sind es nicht. Es bedarf wirklich nicht viel Recherche, um reale Geschichten zu finden, die den Rassismus, die Willkür und die Intransparenz in der Exekutive sowie im Gerichtssaal bestätigen. All diese Abgründe müssen sich nicht hinter dem Schleicher von Fiktion verstecken. Es gibt sie in Zeitungen und Online nachzulesen. Gerade deswegen wirkt es aber in Strecken so frustrierend, wenn diese perfiden Realzustände auf ausgedachte Dialoge und Figuren heruntergebrochen werden. Mensch will die Leinwand einreißen und auf die Welt außerhalb des Kinosaals zeigen, damit keine*r mehr behaupten kann, das Deutschland von „Staatsschutz“ sei bloß ein Konstrukt der Drehbuchautorinnen.

    Doch es dem Film anzukreiden, wie akut die von ihm behandelten Probleme sind, ist paradox. Viel eher spricht es für den Film, dass er den Zorn über den Status Quo mit solch greifbarer Direktheit rüberbringt, dass es schwer ertragbar wird, sich untätig im Kino sitzend einer fiktiven Geschichte hinzugeben – Kino wird in „Staatsschutz“ zu einem emotionalen Brennglas. Denn Shariat schafft in dem Film eine Utopie, in der wir uns der Fantasie des Rundumschlags hingeben können. Spätestens wenn Kim, ganz in schwarz gekleidet, Stück für Stück die Regeln der Justiz hinter sich lässt, weggesperrte Akten in dunklen Gängen nach Hinweisen durchforstet und mit ihrer Knight Rider-Karre, deren Motor den gesamten Saal zum Vibrieren bringt, Angst in den Herzen von Rechtsextremist*innen schürt, geht es nicht mehr um strikte Plausibilität. Es geht darum, Wut rauslassen zu können und zusammen mit dem Publikum Nazis zu überführen. In seinen überspitztesten Szenen wird „Staatsschutz“, ganz in der Genealogie eines „Dirty Harry“ (wenn auch auf der gegenüberliegenden Seite des politischen Spektrums und mit weniger direkter Konfrontation), zur cineastischen Abrechnung mit einer verrotteten Institution. Die Website von „Jünglinge“, die von Shariat mitgegründete Produktionsfirma hinter dem Film, bezeichnet es als „activist popcorn cinema“ – Popkultur verwenden, um spezifische politische Themen zu beleuchten. „Staatsschutz“ zeigt, wie viel Kraft in diesem Konzept steckt.

    Statt eines Sprüche-klopfenden Clint Eastwood liefert er uns eine fantastische Chen Emilie Yan, die ihren Frust so tief in sich hineinfrisst, dass es sie von innen auszuhöhlen droht. Nur selten bricht die Last der Situation über sie hinweg, dann schluchzt sie in die Schulter ihrer Beziehungsperson oder lässt hinter ihrem Lenkrad einen derartigen Schrei heraus, dass einem das Blut gefriert. Die meiste Zeit jedoch ist der Preis, den Kims Psyche zahlen muss, bloß in dem Schmerz, den Yan hinter Kims stoischer Miene regelmäßig aufblitzen lässt, sichtbar. Shariat und die Kamerafrau Lotta Kilian fangen Kims Absturz ins Chaos ausdrucksstark ein – Shariat festigt mit dem Film seinen Status als Regietalent eindrucksvoll. Während Kims anfänglicher Glaube an das Rechtssystem mehr und mehr in Stücke bricht und sie um ihre eigene Sicherheit fürchten muss, werden auch die statischen Halbnahen des Gerichtsprozesses immer mehr durch Nahaufnahmen einer Handkamera abgelöst. Am Ende kreist die Kamera förmlich um ihre Charaktere, teilweise in beeindruckenden Plansequenzen. Der Gerichtssaal als Kriegsfeld.

    Der zentrale Anschlag wird in einer Totalen gezeigt, ein Großteil des Bildes in Dunkelheit gehüllt. Die steinernen Wände der Staatsanwaltschaft engen Kim visuell ein; Schritte und Stimmen hallen durch ihre kalten Flure und werden gelegentlich von tiefen Streichern musikalisch untermalt. Selbst Kims Wohnung, in der mehr Umzugskartons als Möbel stehen, fällt in den Schatten ihrer Ermittlungen, sobald sie ihre Fenster mit ausgedruckten Hinweisen zu rechtsextremen Netzwerken zupflastert. Das Drehbuch kontrastiert dieses – beinahe kafkaeskes – Labyrinth aus Hinweisen und Verschleierungen mit Kims Umfeld. Ihr Vater bringt neue (kulinarische) Perspektiven in Kims deutsches Umfeld, die Behördenmitarbeiterin Ayten Alican wird, mitsamt ihres Kindes, zum emotionalen Rückzugsort – Kims Beziehungsperson bleibt leider blass. Wer es mit dem Staat aufnehmen will, braucht ein gutes emotionales Auffangnetz, scheint „Staatsschutz“ sagen zu wollen.

    Der Film verkommt jedoch nicht zu einer Heldinnengeschichte, auch wenn Kims Auftreten und der vibrierende Bass des Films sie manchmal wie ein neues Mitglied von Zack Snyders DCU wirken lässt. Denn „Staatsschutz“ scheut sich nicht vor Ambivalenzen. So lädt Kim für ihre Verhandlung eine Zeugin vor, die ihr noch zuvor ihre Angst vor den Konsequenzen, die eine Involvierung in den Gerichtsprozess mit sich bringen würde, geschildert hat (gespielt von Mercy Dorcas Otiena in einer kleinen, aber gewichtigen Rolle). Selbst Ayten wird von Kim ins Kreuzfeuer gezogen; die Grenzen zwischen Ehrgeiz und Verbissenheit verfließen und Außenstehende müssen dafür bezahlen. Auch auf die Frage, warum sich Kim erst gegen das System auflehnt, sobald sie selbst betroffen ist, hat sie keine Antwort parat. „Staatsschutz“ geht diesen Diskussionen leider nicht weiter nach, der Fokus bleibt stets bei Kims Prozess. Doch der Film lädt durchaus ein, diese Grauzonen selbst auszudiskutieren.

    Abseits dieser Ambivalenzen kostet „Staatsschutz“ seine linke Haltung vollends aus. Das Drehbuch findet reichlich Möglichkeiten – wie die Anwältin des angeklagten Neonazis oder nervtötende apolitische Mantras – für Shariat, um alte Feindbilder zurechtzuweisen. Linke Parolen werden als grundlegende Menschenrechte entlarvt. Auch die Kamera findet ihr Feindbild bald – erwarteter Weise – neben den Neonazis auch in der Polizei (die Szene, die dazu führt, ist so psychologisch erschütternd wie pervers). So viel Wahrheit auch in diesen Momenten steckt, das eigene Schulterklopfen droht einige Male ins Selbstgefällige abzudriften. Tut es auch (zumindest für mich, als weiße, männlich gelesene Person ohne Rassismus-Erfahrungen). Vielleicht brauchen wir aber, in dem aktuellen Klima politischer Nationalisierung, einen Film, der so schamlos links ist.

    „Staatsschutz“ steht sich seine eigene Fantasie ein. Als Kim von einem Kollegen gefragt wird, was denn die Alternative zum aktuellen Justizapparat wäre, ob stattdessen wieder mehr Willkür und Selbstjustiz vorherrschen soll, bleibt sie stumm. Trotz ihrer geerdeten Art ist Kim eine fiktionale, kinematische Superheldin. Das hindert „Staatsschutz“ aber nicht, dorthin zu leuchtet, wo es für den Staat schmerzhaft ist. Zu Beginn meint eine Person im Gericht, es gäbe „kein Grund politisch zu werden.“ Doch der Film hinterfragt konsequent, wie apolitisch eine Behörde sein kann, die sich aus Menschen zusammensetzt, die alle ihre eigenen (politischen) Hintergründe haben. Deswegen plädiert er für mehr Menschen wie Kims Anwältin Alexandra Tiedemann (eindringlich: Julia Jentsch), die sich in diesem imperfekten System für Opfer rassistischer Angriffe einsetzt. So ganz mag „Staatsschutz“ die Brücke zwischen Popcornkino und den akuten realweltlichen Problemen zwar nicht gelingen. Doch das Konzept scheint vielversprechend. Shariat zeigt, welche Rolle Kino in Zeiten wie diesen einnehmen kann.
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    (Janis Asprion)
    20.02.2026
    13:44 Uhr