Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2026
Das Erstlingswerk von Olive Nwosu, die sich sowohl die Inszenierung als auch das Drehbuch von „Lady“ auf den Lebenslauf schreiben darf, steht und fällt mit seiner Hauptfigur. Viel mehr noch: Lady, die taxilenkende Protagonistin des Films, die ihre Heimatstadt Lagos sowie alten Kindheitstraumata zu entkommen versucht, überragt förmlich ihren eigenen Film. Jessica Gabriel's Ujah verschmilzt mit der Rolle und sprüht vor Ausdrucksstärke und schroffem Charme – selbst wenn Lady gerade nicht ihre Kappe mit „Fuck You“-Aufschrift trägt oder ihrem Spiegelbild einige (überraschend pointierte) Zeilen vorrappt. Ihre oft lustigen Dialoge, in denen andere Charaktere mit Ladys Gedankenschnelle und Meinungsstärke kaum mithalten können, bringen einem ein Lächeln auf die Lippen, das nur von dem tief vergrabenen Schmerz weggewischt wird, den der Film mit der Zeit in den langen Stillen zwischen diesen Momenten an die Oberfläche trägt. Es ist ihr Film. Ihre enorme Bandbreite an Emotionen leiht ihm sein Gewicht, ihre Beziehung zu sich selbst und den Menschen um sie herum gibt ihm Tiefe. Doch Lady, die Filmfigur, gibt es nicht. Die Umstände, mit denen Lady und die Sexarbeiterinnen, zu deren Fahrerin sie nach einer Weile wird, in dem Film zu kämpfen haben, dafür schon.
Nwosu benutzt Lady als Fallbeispiel, um an ihr und durch sie die menschlichen Fehltritte der korrupten nigerianischen Regierung nachfühlen zu können. Durch kurze Flashbacks zu Ladys Kindheit lernen wir (graduell) von Ursachen für ihre tiefsitzende Leere, die Fürsorge, die sie gegenüber Iya – der Frau, von der sie großgezogen wurde – zeigt, lässt uns schnell mit ihr empathisieren. Nwosu verrät uns aber schon früh, dass die schönen Farben von Lagos, die von der Kamera mit großer Freude durch die Fenster von Ladys Taxi eingefangen werden, weitaus mehr als Set-Dressing sind. Immer wieder hören wir „DJ Revolution“ über das Radio, der seine Hörer*innen dazu aufruft, sich politisch zu engagieren. Denn das Überleben in Nigeria wird von Tag zu Tag schwieriger, ihre (allesamt männlichen und weitaus älteren) Berufskollegen regen sich besonders über den Stopp der Subventionierung von Benzin auf. Doch Lady hat kein Interesse an Demonstrationen und dergleichen. Sie zieht sich einfach die Kappe ins Gesicht und versucht mit allen Mitteln genug Geld zu verdienen, um der Stadt den Rücken zukehren zu können.
Die subjektive Kamera und energetische musikalische Untermalung kreieren dabei einen Sog, der einen in Ladys Perspektive zieht. Auch wenn sich uns die vielen, oftmals widersprüchlichen Schichten dieses Charakters erst Stück für Stück offenbaren, funktioniert sie von Anfang an als emotionaler Anker. Es ist ein Film zum sich drin verlieren: die beeindruckenden Bilder, mit denen Nwosu den tonalen Cocktail der Handlung eindrucksvoll auf die Leinwand zaubert, spitzen sich einige Male sogar so weit zu, dass sie als abstrakt-hypnotische Eindrücke enden. Vage Emotionen werden greifbar gemacht. Der Soundtrack des Films und das Editing statten ihn mit einem tollen Rhythmus aus. Erst als Lady im dritten Akt von ihren Traumata und dem ausbeuterischen Charakter ihres Heimatlandes eingeholt wird, beginnt Nwosu visuell und tonal etwas auf die Bremse zu drücken. Die Tragik von Ladys Geschichte senkt sich wie ein Schatten über den Film, die Energie der vorangegangenen Szenen löst sich auf. Doch die Intimität, die den Film auszeichnet, bleibt bestehen.
All diese Elemente machen es verständlich, warum Lady so apolitisch agiert. Besonders als ihre alte Kindheitsfreundin Pinky (Amanda Oruh) auftaucht, die fünf Jahre zuvor ohne Erklärung verschwunden ist und ihr Geld seither als Sexarbeiterin verdient. Das Chaos von Ladys Leben ist zu prekär, um über mehr als die eigenen, akuten Probleme nachzudenken. Durch Pinky kommt Lady an einen Nebenjob, bei dem sie Pinkys Gruppe an (charakterstarken und liebenswerten) Sexarbeiterinnen abends zu Kund*innen fährt. Die Bezahlung ist gut, doch in der Welt, in die Lady dadurch hineingezogen wird, lauern die Schatten nicht aufgearbeiteter Erinnerungen. Nwosu porträtiert die Auswirkungen der strukturellen Armut aus einer dezidiert weiblichen Perspektive. Frauenkörper werden zu dem einzigen Bezahlungsmittel, dessen Wert nicht implodieren kann. Die Arbeit wird nicht verurteilt, sondern dass sie die einzige Option für diese Menschen ist. Denn das wird besonders dann gefährlich, wenn sie in Schwangerschaft endet oder in Vergewaltigung ausartet.
„Lady“ endet, vor seinem mehr als verdienten Little Simz-needledrop beim Abspann, mit einem stillen, doch kraftvollen Aufruf zu Protest. Der Film konzentriert sich auf die Situation in Lagos und bietet – wie so viele Filme der Berlinale – einer Lebensrealität eine Stimme, bei der sonst oft weggehört wird. Nwosu will den Facetten der Situation, die sie anhand von Lady nacherzählt, gerecht werden. Voller Empathie begleitet sie Lady auf ihrem emotionalen Werdegang. Das finale Bild eines Protests, das sich aus vielen einzelnen Schicksalen zusammensetzt, die allesamt aufgrund der gleichen Ungerechtigkeiten leiden, hat aber eine universelle Kraft.