Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2026
Sebastian Brameshubers „London“ findet in dem Zwischenraum, an dem Dokumentation und Spielfilm zu einer ganz eigenen filmischen Erzählweise verschmelzen, einen Ort, um zu reflektieren. Die Figur, die den Film in diesen Zwischenraum einlädt, ist Bobby – gespielt/verkörpert/besetzt von dem Journalisten und Schriftsteller Bobby Sommer. Bobby – in der fiktiven Rahmenhandlung des Films – lebt in Wien, pendelt jedoch regelmäßig mit dem Auto nach Salzburg, um dort seinen Freund Arthur zu besuchen, der nach einem Schlaganfall im Koma liegt. Auf seinen Autofahrten nimmt er häufig fremde Personen mit, die ihm nicht nur einen Teil seiner (mit Sicherheit beachtlichen) Spritkosten bezahlen, sondern auch die Monotonie der Autobahn etwas lebhafter gestalten.
In den bunten Gesprächen, die Bobby mit seinen Mitfahrer*innen führt, schwindet die Fiktion des Films dann schnell in den Hintergrund. Die Unterhaltungen, die entstehen, sind nicht bloß improvisiert, sondern zeigen oftmals reale Menschen, wie sie sich Bobby gegenüber öffnen. Während die Welt mit furchterregender Geschwindigkeit an einem vorbeizieht (und es sich anfühlt, als würde sie immer mehr aus den Fugen geraten), wird Bobbys Auto zu einem stillen Zufluchtsort, der abseits von all diesem Chaos zu existieren scheint.
Viele – wenn auch nicht alle – von Bobbys Gesprächspartner*innen sind nicht Schauspieler*innen, sondern Menschen, die Brameshuber extra für den Film gecastet hat und die über Themen reden, die sie in ihrem Alltag und Leben beschäftigen. Wir hören von einem Geschichtsstudenten, warum James Camerons „Avatar“ ein marxistisches Meisterwerk sei. Ein Junge, der gerade seine Wehrpflicht absolviert, beichtet seine Angst vor dem Krieg und ein lesbisches Mädchen redet von ihrem schwierigen Verhältnis zu ihren Eltern. Bobby – sowie die Anonymität der Autobahn – erweisen sich schnell als aufmerksame Zuhörer, bei denen für soziale Tabus kein Grund besteht.
Dabei ist Bobby weitaus mehr als bloß stumme Projektionsfläche. In den Gesprächen, die von Humor und Unsicherheit bis hin zu Trauer und Melancholie eine fantastische Bandbreite an Emotionen abdecken, gewährt er uns immer tiefere Einblicke in seine Gedankenwelt und seine Vergangenheit sowie in seine Freundschaft mit Arthur. Wie viel davon Bobby Sommers und wie viel davon seine Filmfigur ist, bleibt unkommentiert. Doch das schmälert die Ehrlichkeit und Menschlichkeit, die sich durch die Gespräche zieht, keineswegs. Bobbys Lebenserfahrung ist sowohl in seiner liebevollen Mimik als auch in seinen wohlgewählten Worten zu finden, und liefert einen schönen Kontrast zu seinen meist weitaus jüngeren Fahrgästen.
Die einzelnen Fahrten werden – als wären es Kapitel eines Buches – durch kurze Pausen gegliedert, in denen Bobby einen Kaffee trinkt, sein Auto tankt oder in der „Landzeit“-Raststätte einen Kuchen isst. Bobbys gelegentliche Updates über Arthurs Gesundheitszustand liefern einen vagen zeitlichen Kontext, in den die Autofahrten einsortiert werden können. Bis auf die Freude, die es bereitet, sich in den Gesprächen zu verlieren, verbinden sich die einzelnen Kapitel aber nie in einem größeren Kontext – weder durch Bobbys Geschichte noch auf thematischer Ebene (auch der Bezug des Films zur Stadt London bleibt schleierhaft). Wenige Male schneiden die fiktionalen Elemente des Films sogar in die Freiheit, die die Ungezwungenheit der Gespräche auszeichnet. Das bleibt aber die Ausnahme.
„London“ lässt den Kinosaal, ähnlich wie es Bobbys Auto für seine Fahrgäste ist, zu einem temporären Gegenentwurf der verbissen-fortschrittsorientierten Welt werden. Für mehr als zwei Stunden lauschen wir, wie Menschen in einem geschützten Raum über ihr Leben außerhalb von Bobbys Auto reden. Der Film verlangt von seinen Personen nicht, irgendwelche tiefgreifenden philosophischen oder sozialen Themengebiete zu erforschen – er isoliert und zelebriert das Zwischenmenschliche, die (manchmal vermeintlich banalen) Freuden und Sorgen, die Menschen akut beschäftigen. Selbst die Holprigkeit, die sich durch die Unterhaltungen zieht, lernt mensch nach einer Weile zu schätzen.
Brameshuber inszeniert das mit angemessener Zurückhaltung. Das 4:3-Bildformat führt zu unaufgeregten Bildkompositionen, während der Autogespräche bleibt der Schnitt meist denselben drei Einstellungen treu: eine zeigt Bobby, eine den Fahrgast, und die dritte schaut durch die Windschutzscheibe des Autos auf die Fahrbahn. Vielleicht hätte ein (thematischer oder emotionaler) roter Faden den Film noch länger nachhallen lassen. So überlässt es „London“ sehr stark jeder einzelnen Person im Publikum, wie viel sie aus dem Film mitnimmt, welche Gefühle sie in dem Werk entdeckt und wie sie dessen Einzelteile verknüpft. Doch selbst wenn er nicht darüber hinaus geht, ist der Film eine einladende Möglichkeit, offen nach Emotionen zu suchen und in andere Erfahrungswelten einzutauchen. Denn wenn Bobby mit einer rumänischen Touristin, die weder Deutsch noch Englisch spricht, ein Gespräch führen kann, ist es vielleicht auch für uns möglich, den Menschen um uns herum etwas bewusster zuzuhören.