Filmkritik zu Bucks Harbor

Szenenbild aus Bucks Harbor Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Maskulinität an der kalten Ostküste Amerikas

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2026
    Das dokumentarische Regiedebüt des Fotografen Pete Muller ist ein intimes Werk über drei Männer und eine vierköpfige Familie, die sich – jeder auf seine Weise – während ihres Lebens in Bucks Harbor eine gewisse, weil notwendige emotionale Härte aufgebaut haben. Nur so können sie den harschen Bedingungen ihres Zuhauses widerstehen. Denn Bucks Harbor liegt an der Ostküste von Maine, im Norden Amerikas. Es ist ein abgeschotteter Ort, den wenig Hilfe von außerhalb erreicht. Wer sich nicht beim Fischfang in den stürmischen Gewässern des Atlantiks nützlich machen kann, die überschaubaren Ressourcen der Natur und des Orts für sich zu verwenden weiß oder sich auf anderem Wege das eigene Überdauern abzusichern vermag, droht schnell, von dem stürmisch-kalten Alltag der Umgebung verschlungen zu werden.

    Muller zieht dabei Parallelen von diesen Männern zu den Hummern, die, zusammen mit ihren menschlichen Leidensgenoss*innen, Bucks Harbor bewohnen. Ihre rote, undurchdringliche Schale wird zur Metapher für das dicke Fell, das sich die Protagonisten zugelegt haben – sowohl aufgrund der Lebensverhältnisse in Bucks Harbor, als auch wegen traumatischer Ereignisse aus der Vergangenheit, von denen sie bis heute noch heimgesucht werden. In beeindruckenden Nahaufnahmen kommt der Film deswegen immer wieder zu den Hummern zurück, sie verbinden die vier Geschichten. Doch damit Hummer wachsen können, müssen sie ihren Panzer einmal jährlich ablegen und sich für kurze Zeit verletzlich machen. Eine Metapher, die an immer mehr Gewicht gewinnt, je besser wir die vier Protagonisten und ihre mentalen Rucksäcke kennenlernen – und durch die der Film zu einem fantastisch beobachteten Porträt über Männlichkeit einlädt.

    Mehr als vier Jahre haben Muller und sein (sehr kleines) Team mit Menschen in Bucks Harbor verbracht. Die vielen verschiedenen Lebensgeschichten, denen sie im Laufe dessen begegnet sind, wurden von ihnen schlussendlich auf vier Menschen – sowie deren direkte Umfelder – heruntergebrochen. Aus ihnen entsteht ein einfühlsam gestricktes Mosaik aus Perspektiven, die sich gleichermaßen bedeutungsvoll kontrastieren und ergänzen; verortet zwischen vergangenen Alkoholproblemen, gewalttätigen Eltern, verstorbenen Freundschaften und einem Zweitleben als TikTok-Star, der sich in Drag verkleidet. Männlichkeit in der Fülle seiner Farben und Formen. Die eindrucksvollen Naturaufnahmen, in denen einzelne Personen von den imposanten (und bedrohlichen) Weiten des Ozeans und der Wildnis eingebettet werden, geben dem Film Gewicht – Mullers Erfahrung als Fotograf ist deutlich sichtbar. Doch es ist die spürbare Intimität, die Mullers Kamera über die jahrelange Zusammenarbeit mit seinen Subjekten gewinnt, dank der „Bucks Harbor“ die Schnittstelle zwischen Männlichkeit und Verletzlichkeit so ergreifend ausleuchten kann. Sie teilen mit der Kamera ihre Gefühle und Ängste, als wäre sie eine lang-vertraute Begleiterin.

    Der Film kommt ohne Erzählstimme aus, keine Filmemacher*innen versuchen die gezeigten Bilder in ein thematisches Korsett zu zwängen. Nur die Hummer, die, als wären sie Geister der Maskulinität, die sich in verschiedenen Formen durch die Leben aller vier Protagonisten zieht, hin und wieder über die Leinwand krabbeln. Der Film lässt seine Figuren für sich stehen und sprechen. Manchmal wirkt das fast befremdlich, besonders wenn Kinder ein T-Shirt des US-Militärs tragen und mensch eingreifen will. Doch dafür entsteht eine radikale Ehrlichkeit, die sonst in anderen Dokumentationen selten zu finden ist. Tiefgreifende Monologe, lustige Anekdoten und spontane Momente werden eingefangen, wie sie ausdrucksstärker nicht sein könnten.

    Wayne, der sich als fantastischer Geschichtenerzähler entpuppt, beschreibt (mit großer Detailfreude) von seinem Kampf mit einem Polizisten, als eine von vielen Anekdoten seiner chaotischen Vergangenheit – die Taschenlampe, die er diesem entrissen hat und als Schlagzeug missbrauchte, hat er nie entsorgt und zeigt sie am Ende der Geschichte stolz in die Kamera. Dave, der sich mit seiner ergreifenden Mischung aus liebenswerter Offenheit und tiefgreifendem Schmerz mit der Zeit als Hauptfigur herauskristallisiert, lacht über seine eigenen Fürze, kann aber auch mitreißend von den Todesfällen in seinem Freundeskreis sprechen. Diese Menschen sind bis auf die Knochen geprägt von ihrem Umfeld. Ihre Gesichter und Körper sind Archive ihrer Vergangenheit. Doch sie sind sich dessen vollends bewusst, und reden über ihr Leben mit erstaunlicher Klarheit.

    „Bucks Harbor“ entpuppt sich, trotz der gewichtigen Thematiken, die er aufgreift, als einer der lustigsten, weil zutiefst menschlichsten Filme dieser Berlinale. Die Freude, die Dave in seinem Leben findet, ist ansteckend. Der Film porträtiert einzelne Personen, und durch sie eine Gemeinschaft von Menschen, die eine erstrebenswerte Form von Zusammenhalt an den Tag legen – wenn auch mit einem unerstrebenswert schroffen Antlitz. Muller lässt auch Daves Mutter zu Wort kommen, die den männlich kodierten Selbsterhaltungsdruck aus weiblicher Perspektive nochmal anders zu reflektieren vermag (Männlichkeit ist schließlich keine reine Männerangelegenheit).

    Dadurch funktioniert der Film als präzise beobachtetes Zwischenfazit. Er zeigt Menschen, die aus einer oft toxischen Vergangenheit – sowie von Eltern, die ihre (Selbstwert-)Probleme an ihren Kindern ausgelassen haben – entstanden sind. Gleichzeitig schaut er gespannt auf die Kinder, die von diesen Menschen großgezogen werden, und fragt sich, zu welchen Menschen diese sich entwickeln werden. Ein Film darüber, wie sich Vergangenes auf die Zukunft abfärbt; Maskulinität im Wandel der Generationen. Die harten Schalen der Hummer sind unerlässlich an diesem Ort, doch sie sind nichts ohne die verletzlichen Weichteile, die sie beschützen. Ein Fazit mit universellem Wert.
    459595262_1213132906655239_8439790202607396069_n_b4a4b1f6c0.jpg
    (Janis Asprion)
    23.02.2026
    15:59 Uhr