Filmkritik zu Wax & Gold

Szenenbild aus Wax & Gold Fotos: Filmladen
  • Bewertung

    Des Kaisers altes Hotel

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2026
    Es ist eine unerwartete Enthüllung, die in einem Schlüsselmoment in vergoldetes Wachs gegossen wird: „This is not a documentary.“ Die Suche nach Fakten war Ruth Beckermann, eine der renommiertesten und spannendsten Dokumentarfilmerinnen des Landes („Waldheims Walzer“, „Favoriten“), in ihrer neuen Arbeit nicht das Hauptanliegen. Eher ist es ihr Versuch, eine sehr subjektive Gedankenreise in die Vergangenheit eines der ältesten Länder Afrikas zu unternehmen: Äthiopien. Im Jugendalter hegte die heute 73-Jährige große Sympathien für Kaiser Haile Selassie, der in diesem einzigen nie kolonialisierten Staat des Kontinenten Hoffnung säte. Er galt als Revolutionär, jemand, der den Blick in Richtung Zukunft wandte. Dass seine Methoden nicht jenseits der Kritikwürdigkeit lagen, weiß die Regisseurin heute selbst. Ihr Gedankenexperiment lässt sie an einem Schauplatz abspielen, das in äthiopischer Historie nicht unwichtig ist: das Hilton Hotel in der Hauptstadt Addis Abeba.

    Zeitreise durch äthiopische Geschichte

    Verschiedene Stimmen kommen zu Wort, mitunter lässt Beckermann ihr eigenes Wissen und Halbwissen in Frage stellen, führt Diskussionen mit Bediensteten, Aktivisten oder Verehrern des Kults, den Kaiser Selassie begründete. Er gilt als messianische Figur der Rastafari-Bewegung, ein Titel, den er selbst ablehnte. Seine Reden wurden mitunter von Reggae-Legende und Rastafari-Gläubiger Bob Marley in Liedform verpackt. In einem der interessantesten Momente spricht Beckermann mit einer weißen Verehrerin Selassies. Ein spannendes Gespräch über Götterfiguren, kultureller Aneignung und Rassismus, der ohne sozialem Ungleichgewicht keiner wäre. Öfter aber als andere Filme Beckermann mäandert diese Doku, die keine sein möchte, ohne erkennbare These vor sich hin. In einer umwerfenden Plansequenz darf die Kamera zum Schluss dann aber auch noch das Hotel verlassen. Schwerelos schweben wir als Zusehende entlang der Straßen Addis Abebas, auf denen - so lernt man in diesen knapp zwei Stunden - viel Geschichte zugetragen hätte. Kein Karrierehöhepunkt, aber selbst ein kleines, unaufgeregtes Werk wird in den Händen einer Ruth Beckermann noch groß.
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    (Christian Pogatetz)
    18.02.2026
    10:23 Uhr

Wax & Gold

A/I 2026
Regie: Ruth Beckermann
AT-Start: 18.09.2026  (noch 192 Tage)