Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2026
Politische Stoffe sind Sam Pollard nicht fremd. Als Cutter bei Spike Lee („Mo‘ Better Blues“, „Clockers“), bekanntlich selbst vortrefflicher Chronist sozialer Ungleichheit und internalisiertem Rassismus, begann der heutige Filmemacher einst seine Karriere. Seit den 2010er-Jahren versucht sich Pollard als Regisseur von Dokumentationen und richtet sein Augenmerk insbesondere auf Persönlichkeiten der schwarzen Gegenkultur. Etwa Menschenrechtler Martin Luther King, oder dem „Old Dirty Bastard“, dem einzig verstorbenen Mitglied der Rap-Legenden des Wu-Tang-Clans, hat Pollard würdige dokumentarische Denkmäler errichtet. Seine aktuelle Arbeit, die als Teil des „Berlinale Special“ seine Weltpremiere feierte, sei einem Mann gewidmet, der an vorderster Front gegen die Gräuel der Apartheid ankämpfte. In unüblicher Klamotte. Eigentlich war Desmond Tutu der Erzbischof Kapstadts, die erste „Person of Color“ in dieser Position. Weltberühmt wurde er aber für seinen unermüdlichen Widerstand gegen Oppression des weißen Mannes. Tutus Lebensphilosophie ging über schlichte Glaubenssätze katholischer Couleur hinaus, er verband Ideen schwarzer und afrikanischer Theologie.
„Tutu“ darf nun als der ehrenwerte Versuch gelesen werden, die Arbeit Pollards im dokumentarischen Framing sukzessive aufzuarbeiten. Strukturell bedient sich das Dokuporträt recht herkömmlicher Stilmittel: Interviews mit Wegbegleitern und Gleichgesinnten – im üblichen „Talking Heads“-Format. Pollard wurde jedoch auch Zugriff gewährt auf bisher unveröffentlichtes Archivmaterial, das den Menschenrechtler ganz privat zeigt: als liebevollen Familienmenschen, als Mann mit stark ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn, ja auch in der Fragilität, in die ihn seine Prostatakrebserkrankung geleitete, ehe er wegen dieser 2021 – im stattlichen Alter von 90 Jahren – ins Jenseits emporstieg. Diese Intimität, die Schattierungen des Menschen hinter dem Nobelpreisträger offenbart, ist das Ass im Ärmel dieser Doku, die sich auch durch informative Recherchearbeit und aufwühlend zusammengeschnittenen Montagen aus der Masse politischer Dokus erhebt. Inszenatorisch nicht bahnbrechend, aber als Erinnerungsruf an einen großen Freiheitskämpfer, der sein Dasein als Geistlicher nicht für negative Zwecks ausnutzte, ist dieses Zeitdokument allemal einen Blick wert.