Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2026
Das Gaunerleben ist kein leichtes. Wer anderen materielles Gut aus der Tasche zieht, nicht nur im sprichwörtlichen Sinne, muss sich um nichts Gröberes sorgen, oder? Pustekuchen. Auch Ganoven werden älter, verlieben sich, gründen Familien, und müssen sich eines Tages wehmütig eingestehen: sie sind nicht mehr die Jungspunde von einst. Harry, ein Taschendieb der alten Schule (John Turturro), hat sich nie an den Wechsel aus dem gemütlichen, analogen hinein ins hektische, digitale Zeitalter gewöhnt. Inmitten der New Yorker Bronx bestreitet der Mitte Sechzigjähre sein kriminelles Dasein in gleicher Manier, wie er es auch vor 50 Jahren tat: gemächlich, unscheinbar, wenn es die Situation verlangt aber auch flink. Flink ist vor allem seine Fingerfertigkeit, seine gaunerischen Tricks gibt er gelegentlich sogar der jüngeren Generation weiter.
Nach Diebesgut sucht er mittlerweile aber vergebens, nur mehr wenige tragen ihre Wertgegenstände mit sich, bares Cash sowieso nicht, in Zeiten von Visa und Crypto ist das herkömmliche Portemonnaie ordentlich verschlankt. Harry gibt aber nicht auf, seine nostalgische Ader pocht zu laut, um sich der Moderne geschlagen zu geben. Und eines Tages sieht es auch ganz danach aus, als würde ihm der erste Coup seit Langem gelingen. Einem schier unscheinbaren Jugendlichen stiehlt er eine Tasche prallgefüllt mit wertvollen Gütern: eine Luxusuhr, teure Waffen oder auch ein ominöser USB-Stick. Letzterer sollte den Kleinkriminellen noch in die Bredouille bringen. Der ahnt nämlich nicht, dass der Teenie, dem er die Beute entwendete (Will Price), Abkömmling einer gefürchteten Mafiosi-Familie sein würde. Auf besagtem USB-Stick befindet sich in Form von Kryptowährung ein Vermögen. Etwas anfangen können mit diesem aber weder der technisch inkompetente Harry, noch sein guter Freund, der Gebrauchtwarenhändler Ben (Coen-Geselle Steve Buscemi in einer feinen Nebenrolle), dessen klappriger Stand-PC den Wert des Geräts nicht evaluieren kann. Dennoch liegt der Verbrecherklan dem Kleingauner bald dicht auf den Fersen. Für ihn beginnt eine stressgeladene Odyssee durch den Big Apple, bei der auch Rechnungen aus der Vergangenheit beglichen werden.
Ein Ganove mit Prinzipien
„The Only Living Pickpocket in New York“ (frei übersetzt: „der einzig noch existierende Taschendieb in New York“) nennt sich diese kleine Genre-Gemme, für die Schauspieler Noah Segan zum dritten Mal am Regiestuhl Platz genommen hat. Segan kennt man primär für seine Zusammenarbeiten mit US-Regisseur Rian Johnson („Knives Out“, „Looper“), für den er seit Stunde eins in kleinen oder größeren Charakterauftritten vor der Kamera stand. Ohne Pause. Sein Auge für facettenreiches Charakterspiel schwindet auch hinter der Kamera nicht. In seiner aktuellen Regiearbeit liefern sich Giganten des amerikanischen Kultkinos der Neunziger ein Schauspielduell, das große Freude beim Zusehen bereitet. John Turturro, Teil der Ur-Stammbesetzung der Coen-Brüder („Barton Fink“, „The Big Lebowski“, „Oh Brother, Where Art Thou?“), hat man lange nicht so spielfreudig erlebt. Sein Harry trägt keine weiße Weste, reumeutig blickt er auf ein Stadtbild, das konstant in Bewegung scheint.
In diesem Trubel mag man die Zeit übersehen, seinen Ehrenkodex hat er aber nie abgelegt. Privat sorgt er sich um seine Liebsten. In den intimsten, wahrhaftigsten Momenten sehen wir Harry, wie er seine Gaunerweste gegen den Mantel der Fürsorge eintauscht, wie er der kränkelnden Rosie (Karina Arrovaye) ihre Last abnimmt. Kontrastprogramm bietet eine zerschmetternde Sequenz, in der seine Tochter Kelly (Tatiana Maslany: großartig) zu Tage tritt. Nun erleben wir Harry aus einem anderen Blickwinkel; wir sehen nicht mehr nur den charmanten Kleinganoven, der die analoge Vergangenheit nostalgisch verklärt, sondern auch einen Vater, der nie da war. Harry zeichnet das Drehbuch als komplexe Figur, dem man trotz diverser Mängel mit seinem anrührenden Dackelblick nicht lange böse sein kann, den John Turturro zum lebendigen Charakter macht, der den Anspruch an Gangsterstereotype weit übersteigt. So auch der Film um ihn herum.
Die Hektik eines gewohnten Thrillers dieser Art lassen Segan und sein Protagonist nicht zu. Obwohl die Stresswelle unabdingbar auf diesen einzubrechen droht. Der Film bewahrt aber selbst in seinen stürmischsten Momenten eine kontemplative Ruhe. Gleichzeitig ist Segans kleines Gefühlsepos eine andächtige, mit schmucken Bildern verzierte Liebeserklärung an New York. „New York, I love you, but you're bringing me down“, tönt es während der Eröffnungssequenz im Hintergrund. Wahre Liebe bedeutet allerdings auch Veränderung an sich heranzulassen. Eine Erkenntnis, die sich auch Harry eingestehen muss - spät, aber doch. The Times They Are A-Changin'. Und das muss nicht unbedingt Übles heißen.