Filmkritik zu The Ballad of Judas Priest

Szenenbild aus The Ballad of Judas Priest Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Der Metal-Gott und seine Untertanen

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2026
    Im schwarzen Leder nahmen sie in den späten 1970er-Jahren die Weltbühnen ein - mit einem Sound, für den man ihnen satanische Intentionen nachsagte. Ihre Gegner haben Judas Priest mittlerweile dezimiert. Immerhin so sehr es ging. So mussten sich die Metal-Pioniere, wie diese dokumentarische Zeitreise durch mehr als fünfzig Jahre Rockgeschichte demonstriert, mit Vorurteilen und Verleumdungskampagnen herumschlagen. Anno 2025 hat er das letzte Lachen: Sänger Rob Halford, der - mit Ausnahme einer kurzen Bandpause in den Neunzigerjahren - seit 1973 das Gesicht und die Stimme von Judas Priest ist. Dem „God of Metal“ und den vielen Bandkollegen hat Regisseur Sam Dunn, die „Rockumentary“ ist sein täglich Brot („Iron Maiden: Flight 666“, „Super Duper Alice Cooper - Welcome to his Nightmare“) ein stattliches Denkmal gebaut. Als Co-Regisseur konnte sich der Dokumentarfilmer einen Mann angeln, der selbst zu den Größen der härteren Musik zählt: Tom Morello, Gitarrist der anti-autoritären Rocker von Rage Against the Machine.

    Metal als Zeichen des Zusammenhalts

    Seine aktivistische Ader merkt man auch dieser Dokumentation an. In der Pressekonferenz am Sonntag sprach Morello darüber, wie die alleinige Existenz von Judas Priest politisch sei. Das primäre Publikum bestünde dem legendären Gitarristen zufolge heute „zu mehr als 50% aus Latinos, homosexuellen Pärchen, oder schlichten Männern in Lederjacken, die ihre Kinder mitnehmen.“ „Die Community und die Einigkeit und die Harmonie, die ein Judas-Priest-Konzert ausmachen, sind das Modell, nach dem wir alle leben sollten, um bessere Menschen zu sein.“ Der gemeinschaftliche Aspekt der Szene lässst sich in der Doku sehr gut erkennen. Metal wird als eine Bewegung, die besonders in der Arbeiterklasse Anklang findet, herausgearbeitet - die dazu aufruft, sich zu organisieren, die Stimme zu erheben und sich bourgeoise Schikane nicht länger bieten zu lassen. „Fuck you, I won't do what you tell me.“, heißt es wiederholt in „Killing in the Name Of“, der berühmten Anti-Polizei-Hymne von Morellos Rage Against the Machine. Machoismen, die dieser Bewegung leider auch nicht fern liegen, spart die Doku aber nicht aus. Bis Priest-Schreier Rob Halford sein wahres Selbst ausleben konnte, hat es ein Weilchen gedauert.

    Progressivität in einer mutmaßlich toxischen Männerdomäne

    Das Szenegestein ist schwul, über seine Sexualität spricht er heute mit Stolz. Als er sich in den späten Neunzigern in einem Interview outete, wurde er ein von einem ungeahnten Beben der Positivität zu Tränen gerührt. Entgegen aller Behauptungen nahm die Szene - ein wichtiger Punkt der Doku - sein Coming-Out mit offenen Armen auf. Eine starke Aussage innerhalb einer Domäne, die gelegentlich als toxisch maskulin verschrien wird. Mit eiserner Pommesgabel nimmt „The Ballad of Judas Priest“ die Demontage diverser Metal-Klischees in Angriff. Ein wunderbar ironischer Moment findet sich in der längeren Passage des Films wieder, in der ein gut dokumentierter Gerichtsprozess gegen die Band neu aufgerollt wird. Im Jahr 1990 - dem Peak der Satanic Panic - wurde der Band vorgeworfen, über unterschwellige Botschaften zum Suizid anzustiften. Die bittersüße Ironie dieser längeren Sequenz: in einer Szene kommt ein junger Fan auf Brat Halford zu und berichtet diesem, wie viel ihm seine Musik bedeute. Nur wenige Momente zuvor sah man empörte Konservative auf der Leinwand, die Halford teuflische Absichten und die Verrottung der Jugend attestierten.

    In seiner Aufmachung als Musikdokumentation mag „The Ballad of Judas Priest“ recht konventionell sein: eine Aneinanderreihung von Archivmaterial, Fakten und Interviews mit berühmten Verehrern und Weggefährten. Etwa Jack Black, Billy Corgan von den Smashing Pumpking oder Metal-Genosse Ozzy Osbourne in einem seiner letzten Interviews. Der Inhalt der Doku, der inhärent politische Esprit, den Judas Priest und Brat Halford als queeres Szenegestein seit fünf Dekaden versprühen, sind aber weit entfernt von „konventionell“. Judas Priest sind ein essentielles Stück Gegenkultur, das wie ein Wunder in den Mainstream aufstieg. Der Weg des Metal-Gotts und seinen Untertanen war wohl nie unterhaltsamer, mitreißender und lehrreicher, mitanzuschauen. Ja - selbst, wenn weder mit der Musik von Judas Priest noch mit Metal im Allgemeinen etwas anfangen kann. Rock on!
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    (Christian Pogatetz)
    17.02.2026
    17:25 Uhr